Queen of Koukaki

Im August ging es mir nicht gut. Mehrere Wochenenden, in denen das Wetter nicht mitspielte, sich keine Verabredung ergab und ich drohte, im eigenen Sumpf zu versinken. Warum bin ich allein? Warum fällt nur mir es so schwer? Hab ich meine „guten Jahre“ vergeudet? Määähhh …

Zwischen Tränen habe ich mich zusammengerafft und überlegt, was mir gut tun würde. Und die Antwort war leicht: Griechenland. Doof nur, dass ich keine Urlaubstage mehr übrig hatte, denn im November sollte es ja nochmal eine Woche auf den Nordatlantik und nach Island gehen. Määähhh – da wäre es ja kalt und dunkel (talking about Jammern auf SEHR hohem Niveau).

Dennoch … Irgendwas musste passieren, um mich aus meinem Jammertal zu holen. Und dann machte es klick: mobiles Arbeiten. Wenn uns die letzten anderthalb Jahre etwas Gutes beschert haben, dann doch, dass sich in gewissen Jobs von überall arbeiten lässt. Wäre es nicht vorstellbar, dass ich mein Laptop in der zweiten Oktoberhälfte einfach in Griechenland aufklappe?

Also Kalender gecheckt: Was liegt an? Oh, Buchmesse. Damn … Wobei? Vom Verlag gab’s die Ansage, dass nur wenige von uns nach Frankfurt fahren sollten. Alle meine Termine würden online stattfinden. Und wenn ich im Meeting der Rights Dame eines großen amerikanischen Verlags ins Schlafzimmer gucke, würde sie es wohl kaum stören, dass ich in einem Airbnb in Athen und nicht in meinem Büro in Hamburg sitze.

Meine unnachahmliche Patentante sagte am Telefon, als ich ihr von dem Plan erzählte: Aber nicht nur Spaß haben! Das pikste kurz, weil es mich genau da packte, wo ich mich selbst fragte: Was, wenn meine Chefinnen denken, dass ich mir einen faulen Lenz mache? Aber dann klopfte ich mir auf die Brust und sagte ihr (und mir): Weißt du was, meine Chefinnen wissen, dass sie sich hundertprozentig auf mich verlassen können. Und genau deshalb geht das. Weil ich meinen Job liebe. Ich muss in den nächsten zwei Wochen ein Manuskript redigieren, auf das ich mich sehr freue. Ich hoffe, dass die Buchmesse mir noch einigen guten Lesestoff in den Posteingang spült. Ich muss mir für die Bücher im nächsten Programm Titel überlegen. All das mach ich sehr gerne – und womöglich sogar mit mehr Verve im sonnigen Athen als im grauen Hamburg. (Chefinnen, lest ihr mit?)

Es gibt manchmal nicht viel, auf das ich stolz bin (okay, ich schwimme im Urlaub von Insel zu Insel, aber wie oft will ich die Geschichte noch erzählen?), aber worüber ich wirklich froh bin, ist meine Fähigkeit, mich am eigenen Schopf aus der Grütze zu ziehen. Mich darauf zu besinnen, was alles gut ist in meinem Leben, was ich habe, und das Beste daraus zu machen.

Diese Zeilen schreibe ich also von der Dachterrasse im 5. Stock von Koukaki, im Herzen Athens, die ich für zwei Wochen gegen meinen Balkon auf St. Pauli getauscht habe. Mit einem Dauergrinsen im Gesicht …

Ich träume von … Schinoússa

Dies ist der Ort, an dem ich mich in Griechenland verliebt habe. Vor acht Jahren führte mich mein erster Swimtrek auf die kleine Insel südlich von Naxos. Hier bin ich das erste Mal unsicheren Schrittes ins Wasser gewatet, um mehrere Kilometer am Stück im Meer zu schwimmen. Seither zieht es mich jedes Jahr auf die griechischen Inseln. 113 bewohnte gibt es, elf habe ich bisher besucht. Vor allem die Kleinsten der Kleinen ziehen mich magisch an, allen voran immer wieder Schinoússa. Selbst dieses Jahr, als sie eigentlich gar nicht Teil meiner Reiseroute war, habe ich einen Tagesausflug dorthin gemacht.

Es ist schwer zu erklären, was genau ich an Schinoússa so gerne mag. Die Insel ist karg wie so viele Kykladen und wirklich winzig – keine 9 Quadratkilometer groß, zwei Dörfer, weniger als 300 Einwohner. Nur zweimal am Tag (in der Hauptsaison) legt hier die Skopilitis an, die Fähre, die die Kleinen Kykladen miteinander verbindet: einmal am Tag Amorgós ~ Donoússa ~ Koufonissi ~ Schinoússa ~ Iráklia ~ Naxos – und wieder zurück. Es ist wohl genau diese Abgeschiedenheit, die die Insel so besonders macht. Nur wenige nicht griechische Touristen verirren sich hierhin. Außer am Strand herumzuliegen, gibt es ja auch kaum etwas zu tun, keine malerische Chora, keine antike Ausgrabungsstätte zu besichtigen.

Die längste Zeit, die ich bisher auf Schinoússa verbracht habe, war eine Woche zusammen mit einer Freundin. Unser tägliches Programm war abwechslungsarm und tiefenentspannt: Ausschlafen, frühstücken, runter zum Strand laufen. Am Tsigouri Beach gibt es die – meiner Meinung nach – beste Strandbar, inklusive kostenloser Sonnenliegen. Hier dann: lesen, Frappé trinken, schwimmen, lesen, Melonensaft trinken, Nickerchen. Es gibt noch ein paar weitere Strände auf der Insel, diese allerdings ohne Infrastruktur, dafür ist man dort mit Glück ganz allein.

Gegen Abend zurück in den Ort, ein typisches Kykladendörfchen: eine Kirche, zwei Supermärkte, eine Post, eine Apotheke, ein paar Kafenions, Bars und Restaurants. Frisch machen, ein Bier zum Sonnenuntergang. Anschließend am liebsten ins Kira Poutiti – überall in Griechenland habe ich bisher sehr gut gegessen, aber dies ist immer noch mein Lieblingsrestaurant. Moderne griechische Küche, wie es sie auch in Athen gibt. Hier habe ich schon vorzügliches Seeigelrisotto ebenso wie die beste Moússaka gegessen. Und nach meinem letzten Urlaub auf Schinoússa habe ich so lange recherchiert, bis ich einen Händler in Berlin fand, wo ich den Wein, den ich hier getrunken habe, bestellen konnte. Und ja, der schmeckt auch zuhause! Zum Abschluss in die Bar und mit einem Glas Wein in den Sternenhimmel gucken, der hier einem funkelnden Gemälde gleicht.

Zum Runterkommen und komplett Abschalten gibt es wahrlich kaum einen besseren Ort.

Wer sich unsicher ist, ob die totale Abgeschiedenheit wirklich etwas für ihn oder sie ist, bucht vielleicht erst mal nur zwei, drei Nächte hier. Das Tolle ist ja, dass Schinoússa in mitten eines ganzen Inselreichs liegt und man in einem Urlaub ganz unkompliziert zwei oder drei Inseln erkunden kann. Ich weiß nicht, ob ich jemals länger als für eine Woche kommen werde, irgendwie reizt es mich schon. Ich weiß nur: Ich werde immer wieder kommen.

Übernachten: Hotel Iliovasilema Schlichte, kleine Zimmer mit Balkon, aber mehr braucht man hier auch nicht. Bonus: Eine Übernachtung kostet circa ein Viertel dessen, was man in einem vergleichbaren Hotel auf Mykonos oder Santorini zahlen würde.

Ausflug nach Eutin – und eine kleine Zeitreise

Eintritt frei, ein Flair wie vor hundert Jahren und nur ein paar wenige andere Gäste. In der Freibadeanstalt am Großen Eutiner See lässt es sich schwimmen wie in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts – mit dem Unterschied, dass L. und ich früher über unterschiedliche Stege ins Wasser gelangt wären. Ansonsten hat sich hier kaum etwas verändert: Die Freibadeanstalt von 1913 besteht aus einer hufeisenförmigen Steganlage mit jeweils 32 flankierenden Umkleidekabinen (links für Damen, rechts für Herren), für die man sich beim Bademeister einen Schlüssel holen kann. Zwischen den Stegen sind ein paar Bahnen, ich schätze circa 50 Meter lang, eingezogen.

Ein paar Wermutstropfen gibt es: Früher befanden sich an den Stegenden Fünf-Meter-Sprungtürme, die, als sie baufällig wurden, leider abgebaut wurden. Für Kinder ist die reine Steganlage sicherlich nur so mittel geeignet. Es gibt jedoch hinter dem Bad eine große Liegewiese. Und normalerweise auch einen Kiosk, der allerdings diesen Sommer coronabedingt geschlossen bleibt. Wir hatten zum Glück unser Picknick dabei. Und wir konnten zumindest ein sehr glückliches Kind beobachten, das spontan sein Bronzeabzeichen machte und dafür vom gesamten Bad bejubelt wurde.

Die denkmalgeschützte Freibadeanstalt ist voraussichtlich noch bis Ende August täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Im Herbst sollen die Steganlagen saniert werden. Ich fand’s herrlich und werde auf jeden Fall nächsten Sommer wiederkommen.

Außerdem zu empfehlen in Eutin: ein Besuch des Schlosses, in dessen schönem Innenhof man sich fast in Italien wähnt. Und SUPs leihen. Das geht am Seepark ganz unkompliziert über Kolula. Vorab Termin buchen, Board aus der Station holen, lospaddeln (und mit etwas Glück unterwegs sogar noch einer Opernprobe auf der Freilichtbühne im Schlosspark lauschen).

Endlich Sommer!

Okay, ihr Lieben, ich hatte ehrlicherweise gehofft, dass es nie soweit kommen würde … Aber als Schwimmerin auf dem Trockenen und Modeliebhaberin, die etwas zu viel Zeit für Online-Shopping hatte und den Sommer herbeisehnte, ist dies der Content, den ich gerade liefern kann, und ihr müsst da jetzt mit mir durch – mein erster Fashion-Post.

In der Stadt

Endlich wieder mit Drink in der Hand vor einer Bar sitzen. Dieses Outfit hat nur darauf gewartet!

Ich bin großer Jumpsuit-Fan, und bei diesem war es Liebe auf den ersten Blick. Bis meine Brüder den ersten Handwerkerspruch brachten, dauerte es auch erstaunlich lang …

Bin jetzt schon gespannt, wie oft ich die Sandalen mit Absatz tatsächlich tragen werde, aber mir ist gerade sehr danach, über mich hinauszuwachsen!

Zur überraschenden Impfung habe ich mir Disco-Créolen geschenkt. Zum Geburtstag gab’s bereits diese Kette mit passendem Armband – nachhaltig produzierter Schmuck aus recyceltem Gold.

Die Halfmoon-Bag von A.P.C. habe ich seit vielen Jahren und liebe sie wie am ersten Tag.

Am Strand

Ich wollte selbst nie einen schreiben, aber war durchaus mal passionierte Leserin von Modeblogs (bis es mich ermüdet hat). Bei A Cup of Jo (kein Modeblog und daher auch einer der wenigen, die ich noch lese) schnappte ich mal den Tipp auf, dass man seine Urlaubsgarderobe farblich abstimmen sollte. So lassen sich möglichst viele Teile unkompliziert miteinander kombinieren. Ende Juni geht es nach Griechenland und gedanklich packe ich schon mal diese (grünen) Stücke in meinen Koffer:

Der Badeanzug kostet zugegebenermaßen ein kleines Vermögen. Aber ich besitze bereits einen Bikini der französischen Marke, der – im Gegensatz zu mir – auch nach Jahren noch nichts von seiner Form verloren hat, und eine Mitschwimmerin erzählte mir mal, dass sie ihren Eres-Badeanzug bereits seit einer Ewigkeit hätte. Ich bin daher zuversichtlich, dass ich auch noch in zehn Jahren in diesem zeitlos schönen Stück durch die Ägäis schwimmen werde.

Ohne Lesebrille geht inzwischen nix mehr. Mit dieser Sonnenbrille kann ich jetzt auch am Strand schmökern.

Dank dünnem Haar bekomme ich wahnsinnig schnell Sonnenbrand aufm Kopp, daher muss immer ein Tuch (oder ein Cap) mit – auf diesem stand quasi mein Name.

Gerade noch faul am Strand rumgelegen, schwupps, den Kaftan übergeschmissen und ab an die Bar: Ένα φραπέ ςκέτα με γάλα παρακαλώ!

Unterwegs

Ich liebe Röcke und Kleider im Sommer, aber Shorts sind einfach wahnsinnig praktisch – ob auf dem Rad, der Vespa oder dem Schiff. Und man bekommt schnell braune Beine!

Noch so eine Investition. Wie lange bin ich letztes Frühjahr online um diesen Pulli rumgeschlichen! Bis ich endlich im Sale zugeschlagen habe. Und es hat sich gelohnt – ich trage ihn ständig.

Die kleine Vintage-Handtasche habe ich kürzlich in einem Laden bei mir um die Ecke im Schaufenster entdeckt und mich sofort verliebt. Sie kommt aus Italien und schreit quasi Sommerurlaub.

Birkenstocks werde ich sicherlich auch diesen Sommer sehr viel öfter als High Heels tragen. Bester, bequemster Sommerschuh, der eigentlich zu allem passt. Punkt.

Ich gebe zu, das hat mir doch ein bisschen Spaß gemacht. Bald gibt’s aber auch wieder Schwimm-Content, versprochen!

Ein großes Dankeschön an meine geduldigen Fotograf*innen, Heidi, Susanne und Jan.

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Ich träume von … Urlaub!

So langsam kann man wieder daran denken, ins Ausland zu fahren, oder gar Urlaub planen. Griechenland setzt gerade alles daran, Tourismus zu ermöglichen – der für das krisengebeutelte Land von enormer wirtschaftlicher Bedeutung ist – und will bis Ende Juni alle Bewohner der Inseln geimpft haben. Viele kleinere Inseln sind bereits komplett durchgeimpft. Und wenn alles gut geht – Klopf auf Holz –, werde ich Ende Juni für drei Wochen dorthin entschwinden: Athen ~ Sifnos ~ Milos ~ Amorgos – so der Plan.

Letzte Woche schaute ich schon mal nach Fährverbindungen und stellte wieder einmal fest: So wunderschön dieses Land mit seinen 113 bewohnten Inseln ist – zählt man die unbewohnten mit sowie alle Inselchen und Eilande sind es 3054 –, logistisch kann es eine echte Herausforderung sein. Das macht aber natürlich auch den Reiz aus: Umso schwerer das Reiseziel zu erreichen ist, umso schöner ist es oft. Wer keine drei Wochen Zeit hat, sondern womöglich nur eine, für den habe ich dennoch einen Tipp:

Letzten September hängte ich an ein Wochenende in Thessaloniki fünf Tage Strandurlaub auf der Chalkidiki dran, eine Halbinsel südlich der zweitgrößten griechischen Stadt, die aus drei Landzungen besteht. Ich hatte ein Zimmer im Elies 33 gebucht, einem sehr schönen, kleinen, noch recht neuen Hotel auf der westlichsten Zunge, Kassandra. Ein Volltreffer. Ich habe mich dort sehr wohl gefühlt; es war genau das Richtige für eine kurze Auszeit.

Zu bedenken gebe ich lediglich ein paar Kleinigkeiten, die ich nicht bedacht hatte: Das Hotel liegt etwas außerhalb vom Ort Afytos, weshalb sich unbedingt ein Auto empfiehlt. Ohnehin eine gute Idee, wenn man den Rest der Chalkidiki erkunden möchte. In Ermangelung eines Führerscheins habe ich es sportlich genommen und mir ein Fahrrad geliehen. Darauf bin ich jeden Tag zum Hauptstrand im Ort geradelt, wo man die Liegen vom Partnerhotel des Elies nutzen kann.

Der Strand unterhalb des Elies ist nur über einen schmalen, abschüsssigen Pfad zu erreichen und selbst auch recht schmal. Apropos abschüssig: Da sich Afytos am Hang der nordöstlichen Küste der Kassandra befindet, liegt der Strand ab frühen Abend im Schatten. Außerdem muss man natürlich mit dem Rad auch immer wieder den Hang hoch … You live, you learn – und ich bleibe vermutlich immer ein Inselmädchen. Aber ich bin auch einfach wahnsinnig verwöhnt. All dies beiseite war es sehr, sehr schön! Und gegessen habe ich natürlich auch hervorragend.

Ach, Ελλάδα …

PS Doch eher Lust auf Inselflair? Hier geht’s nach Folégandros und hier nach Paxos.

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Bücher, die mich durch die letzten Wochen begleitet haben

Ihr Lieben, bitte entschuldigt die Ruhe, aber mir ist in den letzten Wochen jegliche Inspiration und Kreativität abhanden gekommen. Doch so langsam ist Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Höchste Zeit, sich am eigenen Schopfe aus dem Pandemiequark zu ziehen. Hier ein paar Buchtipps, um euch die letzten Wochen auf der Couch zu versüßen, bevor wir uns bald hoffentlich wieder ein wenig mehr ins Leben stürzen können.

Barack Obama, A Promised Land

Um diesen Schinken vor Sommer überhaupt zu schaffen, habe ich mir selbst in den Weihnachtsferien 50 Seiten pro Tag verschrieben. Das war sportlich, tat aber gut, weil ich dadurch richtig ins Buch eintauchen konnte. Obama erzählt sehr detailreich, und man muss sich schon sehr für amerikanische Politik interessieren – und Zeit haben –, um bei der Stange zu bleiben. Ich (die vor hundert Jahren Amerikanistik und Politikwissenschaft studierte) fand’s spannend, so ausführlich zu lesen, wie Politik funktioniert, dass es eben nie einfache Entscheidungen gibt und man viele Kompromisse machen muss. Und er ist sowieso toll. Nachts habe ich davon geträumt, wie ich im Repräsentantenhaus und im Senat für Stimmen für den Health Care Act werben musste. Eine willkommene Ablenkung zum Albtraum mit C.

Auf Deutsch bei Penguin erschienen.

Elizabeth Gilbert, City of Girls

Eine junge Frau zieht zu ihrer Tante nach New York City, die dort ein kleines Theater betreibt, und taucht unversehens ein ins wilde Nachtleben der Vierziger: Bars, Flirts, Glamour, Jazz. Doch dann kommt es durch eine Unbedachtheit zu einem Skandal, und sie wird zurück zu ihren Eltern in die Provinz geschickt. Jahre später kehrt sie in die Stadt ihrer Träume zurück und baut sich, gemeinsam mit einer Freundin, ein für die Zeit außergewöhnlich selbstbestimmtes Leben auf. Kurzweilig und unterhaltsam.

Auf Deutsch bei S. Fischer erschienen.

Candice Carty-Williams, Queenie

Als Queenie, Anfang zwanzig, und ihr netter, weißer Freund beschließen, eine Pause zu machen – zumindest denkt sie, es sei nur eine Pause –, gerät sie ins Straucheln. Sie muss ausziehen und sich ein WG-Zimmer suchen; ihr Freund (Ex?) reagiert nicht auf Nachrichten; um sich abzulenken, beginnt sie mit Online-Dating; und bei der Arbeit quatscht sie mehr als alles andere, so dass sie ständig kurz vor der Abmahnung steht. Das alles erzählt die Autorin mit einer guten Prise Humor, doch spätestens beim ersten Sex-Date wird klar, dass Queenies Probleme tiefer rühren und sie höchst ungesunde Entscheidungen trifft. Bis sie sich endlich Hilfe holt, dauert es allerdings – denn so etwas wie psychische Probleme gibt es für schwarze Frauen nicht, zumindest hat sie es so von ihrer jamaikanischen Großmutter gelernt. Dass es schließlich ihr granteliger Großvater ist, der sie darin bestärkt, in Therapie zu gehen, ist eine der rührendsten Szenen des Buches. Die Autorin erhielt als erste Schwarze die Auszeichnung „Book of the Year“ bei den British Book Awards 2020. Großartig!

Auf Deutsch bei Blumenbar erschienen.

Raphael Geiger, Der Anfang nach dem Ende

Dieses Buch habe ich von einem Freund geschenkt bekommen, der um meine große Griechenlandliebe weiß. Es lag eine ganze Weile im Stapel, weil ich keine Lust auf ein Sachbuch hatte. Pfff! Als Sachbuchlektorin hätte ich es besser wissen sollen! Stern-Korrespondent Raphael Geiger erzählt abwechslungsreich, reportageartig und nimmt uns mit ins Griechenland vor, während und nach der Schuldenkrise. Was dieses wunderschöne Land in den letzten Jahren durchgemacht hat, ist unglaublich, und wie sich die Griech*innen an den schwierigen Neuanfang gemacht haben, absolut beeindruckend.

Erschienen bei Ch. Links.

Mely Kiyak, Frausein

Gleich noch ein Sachbuch, weil’s so schön war! Mely Kiyak erzählt sehr offen und klug davon, was Frausein für sie bedeutet, wie ein Frauenleben geprägt ist von Herkunft, Klasse, Kultur und Familie. Und davon, wie sie als Frau ihren eigenen Weg fand – mit den Erwartungen anderer ringend, aber am Ende doch nur sich selbst verpflichtet.

Erschienen bei Hanser.

Alena Schröder, Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid

Das Leben der 27-jährigen Hannah dümpelt ziellos vor sich her, bis sie bei ihrer Großmutter einen Brief aus Israel findet, der diese als Erbin eines verschollenen Kunstvermögens ausweist. Die Oma will nicht darüber reden, dabei wusste Hannah bisher nicht einmal was von möglichen jüdischen Wurzeln. Also beginnt sie, auf eigene Faust zu recherchieren. Mochte ich, vor allem die Rückblicke in die zwanziger und dreißiger Jahre, aber so richtig, richtig gepackt hat es mich nicht. Vor allem hätte ich mir ein etwas raffinierteres Ende gewünscht. Nichtsdestotrotz gute Unterhaltung.

Erschienen bei dtv.

Da ich sowohl das Buch von Elizabeth Gilbert als auch das von Raphael Geiger doppelt habe, verschenke ich je ein Exemplar. Bei Interesse einfach einen Kommentar hier oder auf Facebook/Instagram/Twitter hinterlassen. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.

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Seine letzte Reise

Anfang Februar letztes Jahr besuchte ich meinen Vater im Krankenhaus und wurde von der Schwester mit den Worten begrüßt: „Sind Sie Island? Sie werden schon sehnsüchtig erwartet!“

So lange hatte mein Vater von dieser Reise geträumt, eine Schiffstour nach Island. Auch jetzt noch, nachdem der Traum für ihn geplatzt war und er sich längst auf einer ganz anderen Reise befand, konnte er offenbar nicht aufhören, davon zu erzählen. Mein Vater liebte es zu erzählen!

Von Island begann er schon kurz nach dem Tod meiner Mutter zu sprechen – nachdem aufgrund ihrer Krankheit größere Reisen für beide lange nicht möglich gewesen waren. Mich hatte es erst ein bisschen überrascht, dann aber vor allem gefreut, dass er wieder Pläne schmiedete. Bald stand fest: Zum 75. würde er sich selbst diese Reise schenken. Und ja, er würde den Geburtstag auch groß feiern. Ich: Papa, du musst nicht, wenn es dir zu viel wird. Er: Doch, wer weiß, ob ich den nächsten Runden noch erlebe. Ich schüttelte den Kopf – mein Vater war bis auf ein paar Altersperenzchen fit.

Also planten und feierten wir ein Fest im Lieblingsrestaurant meiner Eltern an der Elbe, mit der Familie und vielen Freunden, die aus Flensburg, Lübeck, Bremen, Düsseldorf angereist kamen. Es war ein wunderbarer Tag, den wir alle genossen, vor allem mein Vater. Und ich bin so froh darüber. Die meisten Gäste sah ich nur fünf Monate später auf seiner Beerdigung wieder. Niemand konnte es recht fassen.

Im Oktober, ein paar Wochen nach seinem Geburtstag, hatte mein Vater die Diagnose Speiseröhrenkrebs erhalten. Gleich Anfang des nächsten Jahres sollte die große Reise stattfinden. Dass der Krebs bereits fortgeschritten und nicht mehr heilbar war, wusste er, dennoch mochte er die Fahrt nicht absagen. Vielleicht würde ihm die Chemo noch etwas Zeit verschaffen?

Am 25. Januar ging schließlich ich an Bord der MS Norröna – seine Kraft hatte nicht mehr gereicht, die Reise war nicht mehr zu stornieren und ich in letzter Minute für ihn eingesprungen.

Die Smyril Line verbindet die Färöer mit Island und Dänemark. Im Sommer meist ausgebucht fasst die 165 Meter lange Fähre über 1.400 Passagiere – jetzt in der Nebensaison befanden sich neben der Besatzung maximal 200 Menschen an Bord. 60 davon gehörten zur Reisegruppe des Ankerherz-Verlags, der diese Tour, die so gar nichts von einer Kreuzfahrt hat, seit ein paar Jahren anbietet: von Hirtshals im Norden Dänemarks mit Zwischenstopp Färöer nach Seydisfjördur, Island und wieder zurück. Sieben Tage und Nächte im Nordatlantik.

Während das Schiff den Hafen verließ und raus aufs Meer fuhr, stand ich an Deck, machte ein paar Fotos und schickte sie in die Familiengruppe. Ich hatte einen Kloß im Hals, es fühlte sich einfach falsch an. Aber ich hatte meinem Vater versprochen, viele Fotos aufzunehmen. Und mir selbst, das Beste draus zu machen. Das hatte ich mir bereits auf der Busfahrt von Hamburg nach Dänemark eintrichtern müssen, als alle die Liederhefte rausholten und wir gemeinsam Seemannslieder anstimmen sollten. Unser eigens mitgereister Akkordeonspieler gab den Ton an. Kurz überlegte ich, die Augen zu schließen, Ohrstöpsel reinzustecken und alles ganz schlimm zu finden. Dann besonn ich mich eines Besseren und beschloss, mich einfach drauf einzulassen.

Ich hätte diese Art von Reise sicherlich nicht gewählt – wenn überhaupt Gruppenreise, dann nur mit Schwimmern. Damit habe ich ja beste Erfahrungen gemacht und auf jedem Swimtrek tolle Menschen kennengelernt. Dies hier war ein anderer Menschenschlag, zwar bunt gemischt – von Funktionsjackenträgern Mitte dreißig über Paare in ihren Sechzigern bis zu naturbegeisterten Senioren – und alle irgendwie nett, aber nicht meine Wellenlänge, das spürte ich.

Zum Glück gab es kein durchgetaktetes Programm. Eigentlich konnte man seine Tage an Bord frei gestalten und vom Ankerherz-Angebot mitmachen, wonach einem der Sinn stand: Lesung, Liederabend, Gespräch mit einem Kapitän im Ruhestand.

Nachdem ich meine anfängliche Skepsis über Bord geworfen hatte, nahm ich die Reise als das Geschenk an, das sie war: Während meine Brüder sich um meinen Vater kümmerten, der gerade mal wieder im Krankenhaus lag, konnte ich mir eine Pause gönnen und durchschnaufen. In den vergangenen Wochen war mein Vater immer wieder im Krankenhaus gewesen, hatte Chemo begonnen und wieder abgebrochen. Aufgrund von Metastasen im Steiß konnte er schon lange nicht mehr schmerzfrei sitzen. Das Schlucken fiel ihm schwer. Trotz hochkalorischer Trinknahrung war er nur noch die Hälfte des Mannes, der erst wenige Monate zuvor mit reichlich Rotwein seinen 75. begossen hatte. Mit anzusehen, wie schnell er abbaute, wie sehr er litt, war unendlich bedrückend. Ich konnte mir eigentlich kaum einen besseren Ort vorstellen, um zumindest für einen Moment mal Abstand zu gewinnen und kurz Kraft zu tanken, als diese Fähre im Nordatlantik.

Den ersten Tag an Bord beschloss ich mit einem Bier in der Raucherlounge – vier windgeschützte Stühle mit Blick auf den Helikopter-Landeplatz. Ich unterhielt mich noch ein wenig mit zwei älteren Herren von den Färöern, die Ole hießen, Bloody Mary tranken und früher selbst zur See gefahren waren. Dann begab ich mich hundemüde in meine Koje – und schlief nicht.

Zunächst waren da die ungewohnten Geräusche des Schiffes und ein leichtes Schaukeln, das ich als ganz angenehm empfand und dabei eindöste. Doch als die Norröna irgendwann mitten in der Nacht den Windschatten der norwegischen Küste verließ und so richtig aufs offene Meer kam, wurde aus dem leichten Schaukeln ein ordentliches. Ich befand mich noch immer in einem seeligen Dämmerzustand, dachte im Halbschlaf: Ah, jetzt wird’s interessant und lustig. Mein Körper aber schien vor allem zu denken: Was zur Hölle ist denn hier los? Ich bleibe lieber mal wach.

Am nächsten Morgen durfte er sich dann ganz anderen Herausforderungen stellen: duschen und dabei nicht umkippen, heil zum Frühstück gelangen – jetzt ergaben die Griffe überall Sinn –, Frühstück bei sich behalten. Letzteres gelang längst nicht allen meiner Reisegenossen – einige bekam ich tatsächlich erst an Tag 3 der Reise wieder zu Gesicht. Fürsorgliche Freundinnen hatten mich vor der Reise bestens ausgestattet mit Wunderpillen und einem Akupressur-Armband gegen Seekrankheit. Wie sich schnell herausstellte, brauchte ich beides nicht. Ich war seefest und mächtig stolz.

Bei vier Meter hohen Wellen und sieben Beaufort ließ ich mich vormittags an Deck durchpusten und fand es herrlich. Abends sahen wir in der Ferne Muckle Flugga, den Leuchtturm der schottischen Shetlandinseln blinken. Anschließend sang ich Seemannslieder, trank mit dem Akkordeonspieler zwei Dark’n’Stormy und schlief trotz Fünfeinhalbmeterwellen wie eine Nixe.

Als ich am nächsten Morgen aus meinem Bullauge lugte, fuhren wir gerade im Hafen von Tórshavn, der Hauptstadt der Färöer, ein. Bei Nieselregen besuchten wir ein Dorf aus Blockhäusern, das älteste aus dem 13. Jahrhundert, auf Streymoy. Nachmittags legten wir wieder ab und durchfuhren begleitet von Wolken und Sonne eine Passage zwischen den Inseln – es war majestätisch.

Aufs Meer gucken, kein Buch lesen, Bier trinken, weiter aufs Meer gucken, Abendessen, Lieder singen, mit dem Barmann flirten, den besten Whiskey Sour im Nordatlantik trinken, in den Nachthimmel gucken, noch eine rauchen – noch eine schaukelnde Nacht.

Am dritten Morgen stand ich um 9 Uhr warm eingepackt an Deck und beobachtete still, wie die Norröna durch den Seydisfjördur Fjord glitt. Es war unbeschreiblich schön. Der Himmel über Island noch dunkel, links und rechts schneeweiße Berge, am Ende des Fjords leuchtete die Stadt Seydisfjördur – 685 Einwohner. Vom Schiff aus konnte man jedes einzelne Haus der Stadt ausmachen, jedes Auto, jeden Fußgänger. Ich sprang sogleich in meine geborgte Schneehose und stapfte los. Durch den Schnee, vorbei an bunten Holzhäusern, rot, blau, gelb, die kleine Kirche hellblau. Ich begegnete kaum jemandem, die ganze Stadt, die eher wie ein Dorf anmutete, schien im Winterschlaf zu liegen. Da kam mir auf menschenleerer Straße der Akkordeonspieler entgegen. Gemeinsam fanden wir das einzige geöffnete Café, in dem uns ein amerikanisches Hipster mit Man Bun Cappuccino servierte. Der kleine Raum wimmelte vor Sukkulenten, nebenbei verkaufte er selbstgestrickte Schals. Wir fragten ihn, was ihn ausgerechnet hierhin, ans Ende der Welt, verschlagen hatte. Die Liebe. Natürlich.

Die Norröna blieb über Nacht in Seydisfjördur liegen, und dank einer Sondererlaubnis der Reederei durfte unsere Gruppe an Bord bleiben. Normalerweise verlassen hier alle Passagiere das Schiff – es ist schließlich eine Fähre, kein Kreuzfahrer.

Am nächsten Tag unternahmen wir gemeinsam eine lange Wanderung am Fjord entlang. Nachmittags saß ich mit dem Akkordeonspieler bei Craft Beer und isländischer Pizza im einzigen geöffneten Restaurant der Stadt – unser Schiff durchs Fenster immer im Blick. Erstaunt stellte ich fest, wie sehr mir unsere schaukelnde Herberge in den letzten vier Tagen ans Herz gewachsen war.

Am Abend legte die Norröna wieder ab und begab sich auf den Rückweg: zu den Färöern, vorbei an den Shetlandinseln, nach Dänemark. Bevor am 1. Februar die Küste in Sicht kam, stand ich noch einmal bei herrlichstem Sonnenschein an Deck und ließ alles auf mich wirken. Was für eine traurigschöne Reise das war. Mit glasigen Augen blickte ich aufs Meer, mein Herz schwer, so schwer.

Am Tag zuvor hatte ich die Nachricht bekommen, dass Papa nun auf der Palliativstation lag. Zwei Wochen später hatte er es dann geschafft. Am Valentinstag war er wieder vereint mit seiner Frau, die Leuchttürme so sehr liebte. Als ich ihm ein Foto vom Muckle Flugga Lighthouse geschickt hatte, hatte er nur geantwortet: Der Leuchtturm ist an allem schuld! Was er genau damit gemeint hat, wird er mir noch erzählt haben, da bin ich mir sicher.

Dinner for One: Rote-Bete-Risotto

Ich hoffe, ihr seid alle gesund und halbwegs munter ins Jahr gestartet. Dieser Januar wird für viele sicherlich noch zäher, als er ohnehin immer ist. Was mir momentan gut tut: ausgiebig spazieren gehen, viel lesen (bin durch mit A Promised Land!) und lecker essen. Und dieses Risotto macht nicht nur optisch gute Laune!

Zutaten für zwei Portionen:

1 große Rote Bete (in kleine Würfel geschnitten )

1 Schalotte (fein geschnitten)

1 halbe Lauchstange (nur das Weiße, fein geschnitten)

1 Knoblauchzehe (gehackt)

25 Gramm Butter

2 Thymianzweige (nur die Blätter)

180 Gramm Risottoreis

75 Milliliter Weißwein

500 Milliliter Gemüsebrühe

30 Gramm Parmesan

80 Gramm Ziegenkäse (zerbröselt)

Butter in einem Topf schmelzen. Rote Bete, Schalotten, Lauch und Knoblauch hinzufügen und bei niedriger Temperatur langsam köcheln, bis das Gemüse glasig wird.

Reis und Thymian dazugeben und unterrühren. Temperatur etwas erhöhen und mit Weißwein ablöschen. Sobald die Flüssigkeit aufgesogen ist, etwas Brühe hinzufügen und rühren. Dies bei niedriger Temperatur wiederholen, bis der Reis gar ist. Das dauert circa 15 Minuten.

Wenn der Reis weich ist und die Flüssigkeit vollständig aufgesogen, Parmesan und Ziegenkäse unterrühren. Mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Kommt gut durch die nächsten Wochen!

Wenn wir uns nicht sehen

Im März wollte ich mit meinen ältesten Freundinnen für ein Wochenende nach Aarhus fahren. Wir kennen uns seit dem Studium in Kiel, haben uns zwischendurch in der Republik verteilt und das Glück, seit ein paar Jahren alle in Hamburg zu wohnen. Dennoch sehen wir uns nur alle paar Wochen, manchmal vergehen Monate, jede eingespannt in Job, Familie, das Leben. Den letzten gemeinsamen Trip haben wir vor Jahren gemacht (acht? neun?). Die Vorfreude auf Aarhus war also riesig: endlich mal ausgiebig Zeit füreinander haben und gemeinsam etwas erleben, das über ein Abendessen hinausgeht.

Dann kam Corona. Das Wochenende wurde abgesagt, und wir vier haben uns seither genau einmal gesehen: im Hochsommer zum Picknick draußen.

Freundschaften muss man pflegen. Ich bin single, ich weiß, wovon ich rede – seit Jahren ist die Pflege von Freundschaften meine Hauptfreizeitbeschäftigung. Wenn ich das Wochenende nicht allein verbringen möchte, überlege ich mir bereits Anfang der Woche, wen ich sehen möchte und schmiede Pläne. Eine spontane WhatsApp am Freitagabend „Lust aufn Drink?“, das funktioniert leider nur noch selten.

Doch dieses Jahr war ich des Pflegens müde. Das begann schon im Februar und hat sich seitdem nur geringfügig gebessert. Ausgerechnet dieses Jahr, in dem Treffen mit Freund*innen hoch komplexe Arrangements sein konnten – Per Zoom oder live? Wie viele Haushalte? Spazieren oder Essen? Drinnen oder Draußen? –, mochte ich nur pflegen, was pflegeleicht war:

Meine Lieblingskollegin aka Office Wife traf ich, während wir zuhause arbeiteten, mindestens einmal wöchentlich zum Kaffee an der frischen Luft. Eine Woche, in der wir nicht miteinander reden, ist eigentlich unvorstellbar.

Zwei andere Kolleginnen, die in diesem Jahr Freundinnen wurden, traf ich jeden Freitagnachmittag zu Video-Drinks. Im Sommer setzten wir die Tradition beim Italiener vor der Tür fort.

Meine Freunde, mit denen ich sonst jedes zweite Wochenende in der Nordkurve stehe, traf ich einmal die Woche zum Filmgucken.

Meinen besten Freund, der wie ich alleine lebt, traf ich regelmäßig zu Ausflügen.

Selbst den Mann, mit dem es in den letzten Jahren immer wieder Kommunikationsstörungen gab, traf ich mehrfach auf Draußendrinks, was jedes Mal unkompliziert und gut war (Klopf auf Holz). Auch weil er einer der wenigen ist, bei dem ein spontanes „Heute Abend Drinks?“ oft funktioniert.

All das und vieles mehr ergab sich leicht.

Aber vieles andere hat in diesem verdammten Jahr, das uns alle Kraft gekostet hat, auch gelitten. Manchmal habe ich nach zwei fruchtlosen Versuchen einfach aufgegeben, machmal war ich bockig und dachte, XY kann sich ruhig auch mal melden, manchmal hab ich es gar nicht erst versucht. Im Sommer war es kurz leichter, aber seit Herbst erscheint mir jeder Versuch einer Verabredung ein Kraftakt, für den mir oft die Energie fehlt. Und in stillen Momenten frage ich mich: Wird das Spuren hinterlassen in unseren Freundschaften?

Ich vermute: ja und nein. Auch ohne Pandemie befinden sich Freundschaften im ständigen Wandel, die wenigsten halten ein Leben lang. Meine Mädels aus dem Grundstudium in Kiel kenne ich inzwischen ein viertel Jahrhundert; auch wenn wir uns mal wochenlang nicht sehen und sprechen, sind sie eine Bank. Zu meinen Jungs aus dem Hauptstudium in Marburg habe ich dagegen fast vollständig den Kontakt verloren.

Nur eine gewisse Anzahl von Freundschaften lässt sich beständig intensiv pflegen. Kommen neue hinzu, schlafen unterdessen ein paar alte beinahe unmerklich ein. Manchmal finden sich auf wunderbare Weise neue Freund*innen, zum Beispiel, weil da auf einmal diese Kollegin ist, die wirklich nachvollziehen kann, was es heißt, in kürzester Zeit beide Eltern zu verlieren – und mit der dich schließlich noch mehr verbindet.

Manchmal entfernt man sich auch nur für eine Weile, ohne dass man es will, etwa, weil eine Freundin in eine andere Stadt zieht oder ein Kind bekommt, während du kinderlos bleibst. Beide vermissen die gemeinsamen Nächte am Tresen mit viel zu viel Weißwein. Doch auch wenn sie sich gerade nicht zurückholen lassen, muss das nicht bedeuten, dass sie nie wieder kommen. Daher ist es okay, so lange man weiß, dass, wie oft man sich sieht, nichts darüber aussagt, wie gern man sich hat. Ein paar meiner Lieblingsmenschen habe ich dieses Jahr nur einmal gesehen. Aber dieses eine Mal hatten wir uns jede Menge zu erzählen. Das ist, was zählt.

Es gibt Freund*innen, die trifft man mehrmals die Woche, andere nur alle paar Monate. Jede dieser Freundschaften hat ihren eigenen Wert, wichtig ist nur, dass man an sie glaubt und sie pflegt. Und geht einer mal die Kraft dafür aus, hat hoffentlich die andere noch welche übrig.

An Weihnachten und zwischen den Jahren werde ich mich auf ein paar wenige Menschen konzentrieren. Vermutlich werde ich mich energiemäßig auch im Januar und Februar noch im Winterschlaf befinden. Aber ich bin zuversichtlich: Sobald die Krokusse blühen, kommt die Energie zurück. Und irgendwann geht all das wieder, was die Pflege leichter macht: Restaurantbesuche zu zweit, Balkonabende zu viert, Treffen im Stadion mit 29.000 Menschen, von denen mir sechs ganz besonders am Herzen liegen, Küchenpartys mit so vielen, wie eben rein passen.*

Ihr Lieben, habt schöne Weihnachten im Rahmen des Möglichen, bleibt gesund und kommt gut ins Neue Jahr! Die Roaring Twenties kommen noch! Schön, dass ihr da seid.

Eure Julia

* Und dann fahren wir auch nach Aarhus, Mädels, ja?

Sechs Bücher zum Versacken auf der Couch

Diese Bücher habe ich in den letzten Wochen sehr gerne gelesen. Meine Empfehlung (auch an mich selbst) wäre es, zwischen den Jahren – und im Januar und im Februar – nicht nur Netflix zu gucken, sondern mehr zu lesen. Ein gutes Buch macht einfach glücklich! Ich habe gerade Barack Obamas A Promised Land angefangen. Bin auf Seite 14 von 700, parallel gucke ich The Bold Type of Amazon Prime, hust – vor nächstem Sommer sind hier also keine neuen Buchtipps zu erwarten.

Übrigens: Bitte nicht davon abschrecken lassen, dass dies alles englische Bücher sind. Ich lese seit dem Anglistikstudium am Liebsten im Original, aber alle Titel sind auch auf Deutsch erschienen (oder werden es bald).

Madeline Miller, Circe

Die Geschichte aus der griechischen Mythologie neu erzählt, mit feministischem Blick. Circe, Tochter von Helios und Perse, wird aufgrund einer „Unartigkeit“ auf eine einsame Insel verbannt. Vor allem aber die Geschichte einer Frau mit eigenem Kopf, die sich von Männern nicht dumm kommen lässt – egal, ob Gott oder sterblich – und ihren Weg geht.

Auf Deutsch im Eisele Verlag erschienen.

Polly Samsom, A Theatre for Dreamers

1960, ein Sommer auf Hydra, griechische Insel und Künstlerkolonie. Die junge Erica taucht ein in diesen intellektuellen und vermeintlich progressiven Zirkel – in dem die Männer sich zum Schreiben in ihre Kammern zurückziehen und die Frauen obwohl selbst voller Ambitionen sich um Kinder und Küche kümmern.

Erscheint im März bei Ullstein.

Rachel Cusk, Outline

Nochmal Griechenland. Eine Schriftstellerin reist im Hochsommer nach Athen, um einen Schreibkurs zu geben. Selbst frisch getrennt wird sie zur Zuhörerin einer Reihe von Lebensgeschichten. Ein stiller, kluger Roman über Liebe, Verlust und Erinnerung.

Bei Suhrkamp erschienen.

Dolly Alderton, Ghosts

Nachdem sie längere Zeit glücklich single war, verliebt sich Nina Hals über Kopf. Währenddessen baut ihr Vater gesundheitlich zunehmend ab und zieht ihre älteste Freundin mit Mann und Kind aufs Land, was nicht nur eine räumliche Distanz schafft. Jemand meinte zu mir, Dolly Alderton hätte zu viel in diesen Roman gepackt. Doch manchmal ist das Leben zu viel, denn das Leben schert es nicht, ob dein Herz gebrochen ist und du eigentlich nicht auch noch die Kraft für Sorge um deine Eltern hast. Ich habe mich auf jeden Fall in diesem Buch sehr wiedergefunden und mehr als eine Träne verdrückt.

Erscheint im Februar bei Atlantik.

Lily King, Writers & Lovers

Ihre Mutter ist gerade gestorben, der Schuldenberg seit dem Studium nie kleiner geworden, sie jobbt als Kellnerin, und ob der Roman, an dem sie seit sechs Jahren schreibt, jemals fertig wird, ist fraglich. Caseys‘ Leben steckt in mehrerer Hinsicht in einer Sackgasse. Und das wird auch nicht besser, als auf einmal gleich zwei Männer sich in sie verlieben.

Auf Deutsch bei C.H. Beck erschienen.

Ottessa Moshfegh, My Year of Rest and Relaxation

Dieses Buch ist ein bisschen schräg und passt gleichzeitig irgendwie ganz gut in diese Zeit. Ich habe in den letzten Tagen zumindest mehr als einmal gedacht, dass so’n Winterschlaf jetzt nicht schlecht wäre. Zurück zum Buch: Die Heldin, eine auf den ersten Blick privilegierte, junge Frau in New York hat aus Gründen die Schnauze voll von dieser Welt und beschließt, ihr für ein paar Monate den Rücken zu kehren. Dafür lässt sie sich von einer dubiosen Therapeutin ein Arsenal an Beruhigungsmitteln, Antidepressiva und Schlaftabletten verschreiben und begibt sich in einen „Winterschlaf“. Sicherlich nicht zur Nachahmung zu empfehlen. Dennoch: Wer weckt mich im April?

Auf Deutsch bei Liebeskind erschienen.

Zu guter Letzt, man kann es nicht oft genug sagen: Bitte bestellt nicht bei Amazon, sondern bei der Buchhandlung um die Ecke. Bei den allermeisten kann man gerade vorbestellte Bücher an der Tür abholen.

Da dieser Beitrag Marken- und Produktnennungen sowie Verlinkungen enthält und das nach derzeitiger Rechtslage als Werbung gilt, kennzeichne ich ihn als WERBUNG. Es handelt sich dennoch um persönliche Empfehlungen.