Vier Bücher, die ich diesen Sommer gern gelesen habe

Als Ende Mai die Nachricht vom grausamen Tod George Floyds uns erschütterte und am 2. Juni mein Instagram-Feed für einen Tag schwarz wurde, stellte ich mich vor mein Buchregal und fragte mich, wie es denn dort um schwarze Stimmen bestellt war. Die Antwort war beschämend und wenig überraschend: Zadie Smith, Teju Cole – nicht viele mehr. Diesen Sommer gesellten sich nun vier neue Autorinnen dazu. Ein Anfang. Und ich freue mich über weitere Empfehlungen in den Kommentaren!

Regina Porter, Die Reisenden

Zwei Familien, eine schwarz, eine weiß, von der Bürgerrechtsbewegung bis in die Obama-Jahre. Die Geschichte beginnt, als Agnes und ihr Freund auf der Heimfahrt von einem Date von einem weißen Polizisten angehalten werden. Sie überleben, aber ihr Leben ist danach ein anderes. Ein vielschichtiges, spannendes Familienepos. Im Februar bei S. Fischer erschienen.

Britt Bennett, The Vanishing Half

Die Zwillingsschwestern Stella und Desiree wachsen gemeinsam in einem kleinen Ort in Louisiana auf, in dem die Bewohner stolz auf die helle Haut ihrer Kinder sind. Mit sechzehn hauen die beiden gemeinsam nach New Orleans ab, kurz darauf trennen sich ihre Wege. Stella nimmt einen Job an, für den sie sich als weiß ausgibt, lernt einen Mann kennen und verschwindet von einem Tag auf den anderen. Desiree dagegen kehrt Jahre später mit einer dunkelhäutigen Tochter in ihren Heimatort zurück. Erst nach Jahrzehnten kreuzen sich ihre Wege über die nächste Generation.

Eine absolut mitreißende Geschichte zweier Emanzipationen: von Herkunft, Hautfarbe und Geschlecht. Gerade bei Rowohlt erschienen.

Kiley Reid, Such A Fun Age

Emira weiß nach dem Studium nicht so recht weiter und jobbt als Babysitterin für eine weiße Familie. Als sie eines Abends spät mit der kleinen Tochter im Supermarkt unterwegs ist, wird sie vom Security Guard festgehalten. Alix, die Mutter, die ihr Geld als Influencerin verdient, ist schockiert und beschließt, sich mit Emira zu befreunden und ihr „zu helfen“. Die Geschichte läuft auf einen großen Crash zu, und das ist bisweilen gruselig, vor allem aber sehr unterhaltsam zu lesen.

Auf der Longlist für den Booker Prize 2020.

Bernadine Evaristo, Girl, Woman, Other

Erzählt die Geschichte von zwölft sehr unterschiedlichen Frauen in Großbritannien. Zwölf Frauenleben, über ein Jahrhundert hinweg, die mal parallel laufen, sich mal kreuzen, mal nur leicht berühren. Von der ersten schwarzen Frau in einem englischen Dorf bis zur emanzipierten, unkonventionellen lesbischen Dramaturgin, die an einem großen Londoner Theater spät einen Erfolg feiert. Ich hab’s verschlungen! Und musste die ganze Zeit an meine Mutter denken, der ich das wahnsinnig gern zu lesen gegeben hätte. Und bitte nicht davon abschrecken lassen, dass der Text ohne Punkte auskommt! Mich hat das absolut nicht gestört. Dafür gibt es Absätze.

2019 mit dem Booker Prize ausgezeichnet.

Noch mehr Buchtipps von noch mehr tollen Kolleginnen

Carolin empfiehlt The Most Fun We Ever Had von Claire Lombardo

The Most Fun We Ever Had war für mich eins dieser Bücher, nach denen ich erstmal eine Lesepause brauche, weil ich so traurig bin, dass es zu Ende ist, und es mir wie ein Verrat vorkäme, direkt zum nächsten Buch überzugehen. Ein dickes Buch (was mich eigentlich immer erstmal abschreckt), das mich komplett begeistert hat. Es geht um die Familie Sorenson, Marilyn und David und ihre vier erwachsenen Töchter Wendy, Violet, Grace und Liza, die wir (nicht chronologisch) in der Zeit von 1975 bis 2016 begleiten. Ich will gar nicht zu viel zum Inhalt verraten, aber es stellte sich mir bei mir der gleiche Effekt ein wie zum Beispiel bei Franzens Korrekturen: Jedes Mal, wenn die Erzählung wieder zu einem anderen Familienmitglied sprang, war ich einerseits kurz traurig, weil man jemanden verließ, um dann im nächsten Moment zu denken: Ach ja, wie geht’s denn eigentlich Grace/David/Wendy? Die Figuren sind alle so wunderbar unperfekt, relatable und faszinierend zugleich. Ein Buch über Familie, Frauen, Liebe, Verlust, Geheimnisse – absolute Lesempfehlung! Auf Deutsch ist es bei dtv erschienen unter dem Titel Der größte Spaß, den wir je hatten.

Lisa Marie empfiehlt Max, Mischa & die Tet-Offensive von Johan Harstad

Meine Kolleginnen werden vielleicht schmunzeln, wenn sie diese Zeilen lesen, weil es mein Herzensbuch des letzten Jahres war und ich meine Begeisterung über Monate durch die Verlagsflure trug. Vielleicht ist es auch mein Herzensbuch für immer. Und vielleicht und ganz besonders gerade jetzt, weil man in diesen Zeiten ein Buch an seiner Seite braucht, das einem die Einsamkeit nimmt. Figuren, die einen an die Hand nehmen, das Leben teilen, mit all seiner Tragik, Komik und Schönheit. Figuren, die meine Freunde wurden, die mich wieder und wieder wohlig in den Arm schlossen, auch wenn wir für eine längere Zeit voneinander getrennt waren.

Ich habe Sätze gelesen, die ich nicht vergessen konnte, die ich abtippte, egal ob es zwei oder fünf SMS wurden, um sie Herzensmenschen meines Lebens zu schicken. Ich habe gelitten über jede schlechte Kritik, habe in den Wochen rund um Erscheinen mehrmals am Tag die Amazon-Bewertungen aktualisiert. Ich habe Kunstwerke des Autors, die neben so vielem anderen eine große Rolle im Buch spielen, an meine Wohnzimmerwand gehängt, habe Filme nachgeschaut, die zwischen den Seiten kurz erwähnt oder lang besprochen wurden. Ich habe Klavier-und Jazzmusik gehört, im stetigen Wechsel und über Wochen, weil sie einige Figuren über eine lange Zeit begleiten. Ich folge seitdem der Spotify-Liste, die es zu diesem Roman gibt. Das Buch und ich, wir wurden zu einer Lovestory.

Ja, es ist ein Herzensbuch und was für eines. Auf dass es in die Welt getragen werden und Menschen finden möge, die Liebende werden, am besten für immer.

Anne-Claire empfiehlt, etwas zu basteln, wenn gerade keine Muße zum Lesen ist

Um es mit den Worten von Marlene Hellene zu sagen: „Gleichzeitig Home-Officeing, Home-Schooling, Home-Haushalting und Home-Bespaßungsclowning. Ergibt Home-Nervenzusammenbruching.“ Ganz so schlimm ist es nicht, aber gefühlt rast mein Hirn seit 7 Wochen – insbesondere dann, wenn es ruhig wird, die Kinder eingeschlafen sind und eigentlich Zeit zum entspannten Lesen ist. Dann springe ich noch schnell auf Spiegel Online, um mir die neuesten Corona-Entwicklungen durchzulesen, überlege, welches Mittagessen am nächsten Tag zeitlich zwischen Google-Hangout und akuter 6-jährigen Unterzuckerung passt, ob schon neue Vorschulmaterialien zum Download bereitstehen, wann der nächste Einkauf fällig ist, und wo die Liste mit den Dingen liegt, die ich noch meinen Eltern bringen wollte.

Was mich statt Lesen runter gebracht hat, ist etwas ganz anderes: Schneiden und Kleben. Ein Jahr nach unserem Japan-Urlaub im vergangenen Jahr, habe ich endlich Erinnerungsalben für meine Kinder gebastelt, habe Materialien sortiert, die seit unserer Rückkehr in einer Tüte lagerten, Bilder ausgeschnitten und Eintrittskarten aufgeklebt. Wenn ich Papier in meinen Fingern habe und konzentriert eine Linie entlang schneide, dann hat das für mich etwas Meditatives. Und die Erinnerung an unsere Erlebnisse im fernen Japan haben den Radius meiner aktuell sehr kleinen Welt wieder etwas größer werden lassen. Begleitet auf meiner Erinnerungsreise haben mich zwei Bücher: Japan. Der illustrierte Guide von Marco Reggiani mit Illustrationen von Sabrina Ferrero und Tokyo on Foot. A graphic memoir and sketchbook von Florent Chavouet. Die Stile beider Bücher könnten unterschiedlicher nicht sein – vielleicht so gegensätzlich wie das Land selbst.

Während Reggiani mit seinem Buch eher einen klassischen Reiseführer verfasst hat und neben Sitten und Gebräuchen die gängigen Sehenswürdigkeiten und Highlights der japanischen Küche abbildet, hat der Franzose Chavouet auf seinen Streifzügen durch die japanische Metropole Beobachtungen aus dem japanischen Alltag eingefangen. Sein Skizzenbuch wurde ein Reisetagebuch seines sechsmonatigen Aufenthalts in Tokyo.

Und zu guter Letzt auch noch eine Empfehlung der Bücher eines japanischen Illustrators, Hirofumi Kamigaki/ Ic4design, für alle Unruhegeister, die gerne Knobeln: Bei den labyrinthischen Suchbilderbüchern kommen von 6 bis 99 Jahren alle auf ihre Kosten und auch beim X-ten Blick ins Buch gibt es auf jeder Seite wieder etwas Neues zu entdecken.

Danke, ihr Lieben! Na, denn auf zur Buchhandlung eures Vertrauens!

Drei Buchtipps von drei tollen Kolleginnen

Selbst wenn ihr gerade nicht die Muße zum Lesen findet – mir geht es so –, es kommen ja hoffentlich wieder ruhigere Zeiten. Daher: Wenn euch eine dieser Empfehlungen anspricht oder irgendein anderes Buch schon lange auf eurer Wunschliste steht, bitte bestellt es jetzt. Oder schickt es jemandem, den ihr vermisst, weil ihr sie oder ihn gerade nicht sehen könnt. Der lokale Buchhandel braucht euch, und wir (die Verlage) brauchen euch auch.

Sabina empfiehlt The Overstory von Richard Powers

Die Bücher, die ich liebe, sind die, die bleiben. Sie prägen sich so tief ein, es fühlt sich an, als hätte ich sie immer dabei. The Overstory (dt. Die Wurzeln des Lebens) von Richard Powers ist so ein Buch. Es ist gefüllt mit Sätzen, deren Anmut und Tiefe immer wieder überraschen. Powers‘ Worte sind tröstend; man möchte sie unterstreichen und immer wieder lesen. Und dass ich ihn einen Freund nennen darf, macht sie sicherlich umso bewegender.
The Overstory birgt Hoffnung und Schmerz und so viel Empathie für das, was wir Leben nennen. Und erweckt in jedem die Liebe für die Natur. Danach wirst du Bäume nie wieder im gleichen Licht sehen. Der Roman öffnet dir die Augen für den erstaunlich großen Unterschied zwischen all der Schönheit, die uns umgibt und der Bedeutungslosigkeit all der Dinge, mit denen wir uns täglich beschäftigen. Aber: “the best arguments in the world won’t change a person’s mind. The only thing that can do that is a good story.” Go see for yourself.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Marle empfiehlt My Sister, the Serial Killer von Oyinkan Braithwaite

My Sister, the Serial Killer von Oyinkan Braithwaite habe ich mir im Februar bei einem langen Wochenende in London gekauft, bevor das alles losging. Erwartet habe ich einen Krimi, bekommen habe ich eine meisterhaft erzählte Geschichten über zwei ungleiche Schwestern, die zueinander halten, egal, wie ihr Verhältnis zueinander ist. Denn das ist keineswegs konfliktfrei, wie der Titel schon vermuten lässt. Die Beziehung ist geprägt von Eifersucht, ungleiche Behandlung durch die Mutter und andere, unterschiedliche Lebenswege und Abhängigkeit voneinander. Aber auch von Liebe zueinander und am Ende ist Blut dann doch dicker als Wasser. Die Handlung ist sehr komprimiert, kurze Kapitel beleuchten die Vergangenheit der Familie, und die Autorin hat in mir große Sympathie geweckt, sowohl für die Erzählerin als auch für ihre serienmordende Schwester.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Heidi empfiehlt Superbusen von Paula Irmschler

Paula Irmschlers Superbusen empfahl mir Margarete Stokowski in ihrem diesjährigen ersten und einzigen taz Buchmesse Blog Eintrag zur abgesagten Leipziger Buchmesse Anfang März. Dieses Buch ist von außen wie von innen schön. Ich habe Superbusen an einem Tag verschlungen, wie mir das zuletzt nur mit Netflix-Serien gelang. Ich wollte dabei sein, in Giselas Leben, verfluchte mich, dass ich niemals Teil einer Band war und schätzte mich glücklich über die wichtigen Lieblingsmenschen in meinem Leben, denen ich zwischendurch Zitate aus dem Buch per WhatsApp schickte, z.B. „Wir waren nicht anti-intellektuell, wir hatten nur immer anderes zu tun“. Lest dieses Buch, es handelt von Freundschaft, es ist ein politisches Buch, antifaschistisch, stark, liebevoll, macht gute Laune, ist feministisch, und es geht um Musik und auch um Ost – West. Nach diesem gleichermaßen schlauen wie witzigen Buch hätte ich keine Enttäuschung ertragen können, daher lese ich jetzt zum bestimmt zehnten Mal Die rote Zora und ihre Bande von Kurt Held. Mein Klassiker. Auch ein Buch über Freundschaft und ein unerschrockenes tolles Mädchen.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Danke, ihr Lieben!

Vier Lieblingsautor*innen, vier Buchtipps

4/4 Saša Stanišić empfiehlt Lovecraft Country von Matt Ruff

~ Man braucht nicht Liebhaber der lovecraftschen Welten voller Schrecken zu sein, um Matt Ruffs Lovecraft Country zu lieben. Die Wirklichkeit – in diesem Fall die der schwarzen Bevölkerung der USA in den fünfziger Jahren – ist Horror genug. Lovecraft Country erzählt zuerst die Geschichte von Atticus Turner auf der Suche nach seinem Vater in der seltsamen Stadt namens Ardham. Dieser ist in die Fänge eines weißen Geheimbundes geraten. Nachdem dessen Fall gelöst wird, schweift die Erzählung ab, und wir bekommen wunderbare, teils auch fantastische Geschichten aus Atticus’ Umfeld kredenzt, darunter auch Parabelhaftes wie die von Ruby, einer Schwarzen, die sich auf magische Weise in eine weißen Frau verwandelt und bald all die Vorzüge der Hautfarbe genießen kann.

Das Buch ist eine Wunderkiste, nicht alle Wunder gleich wundersam. In allen ist die unterschwellige Bedrohung durch die Gesellschaft – der Rassismus, die Ausgrenzung – aufs Bedrückendste zu spüren, und insofern ist die Umsetzung von Ruff vordergründig als eine ungewöhnliche Studie jener bewegten Zeiten zu lesen. Ungewöhnlich, weil Ruff auch für das Genre „old-school Lovecraft“ einiges Überraschende und Kluge einfällt. ~

Saša hat DAS Buch des Jahres geschrieben und dafür hoch verdient den Deutschen Buchpreis und den Hamburger Literaturpreis erhalten. Außerdem ist er ein zauberhafter Mensch, da verzeihe ich ihm sogar, dass er HSV-Fan ist.

Herzlichen Dank nochmal an alle vier fürs Mitmachen!

Da dieser Beitrag Marken- und Produktnennungen sowie Verlinkungen enthält und das nach derzeitiger Rechtslage als Werbung gilt, kennzeichne ich ihn als WERBUNG. Es handelt sich dennoch um persönliche Empfehlungen.

Vier Lieblingsautor*innen, vier Buchtipps

3/4 Marlene Sørensen empfiehlt Fleishman Is in Trouble von Taffy Brodesser-Akner

~ Ich lese viel weniger als früher. Das liegt am Kind, an der Müdigkeit, an der entsetzlichen Angewohnheit, im blauen Licht des Smartphones einzuschlafen. Was mir umso mehr auffiel, als ich Fleishman Is in Trouble entdeckte. Wobei: Dieses Buch hätte ich auch geliebt, wenn ich dieses Jahr 30 statt nur dreieinhalb Bücher gelesen hätte. Die Journalistin Taffy Brodesser-Akner – ihre Porträts von Menschen wie Britney Spears, Tom Hanks und Gwyneth Paltrow sind wirklich sagenhaft – schreibt nicht nur so irritierend gut, dass ich ihr auf beinahe jeder Seite Sätze klauen möchte; sie beobachtet so präzise, dass ich beim Lesen ständig: So isses! rufen wollte. Fleishman Is in Trouble handelt von dem Ende einer Ehe – erst aus seiner Perspektive, dann aus ihrer, und das wirklich Bemerkenswerte ist, wie viel Empathie Brodesser-Akner für beide Protagonisten hat. Bis zum letzten, genialen Satz. Ein kluges, komisches, trauriges und absurd vollendetes Buch.

Erscheint mit dem Titel Fleishman steckt in Schwierigkeiten im April auf Deutsch. ~

Marlene und ich kennen uns nicht persönlich, aber ich bewundere sie schon lange für ihren fantastischen Stil. Wenn ich nicht weiß, ob ich ein bestimmtes Stück kaufen soll, frage ich mich manchmal: Was würde Marlene tun? Oder ich gucke in eins ihrer Bücher.

Da dieser Beitrag Marken- und Produktnennungen sowie Verlinkungen enthält und das nach derzeitiger Rechtslage als Werbung gilt, kennzeichne ich ihn als WERBUNG. Es handelt sich dennoch um persönliche Empfehlungen.

Vier Lieblingsautor*innen, vier Buchtipps

2/4 Linda Rachel Sabiers empfiehlt Das Kinderhaus von Alice Nelson

~ Die Geschichte einer Frau, die, gemeinsam mit ihrem drei Jahre älteren Bruder, in einem Kibbutz aufwuchs, der nach sozialistischem Maßstab in ein Kinderhaus und ein Erwachsenenhaus aufgeteilt war. Der Roman erzählt von dem sie später einholenden Trauma dieser Trennungserfahrung, das sie versucht, in ihrem Erwachsenenleben zu verarbeiten. Das Buch berührt mich sehr, weil auch meine Mutter ihre ersten Lebensjahre in solch einem Kibbutz mitsamt Kinderhaus verbrachte – Familien wurden im Sinne der Gemeinschaft konsequent voneinander getrennt. Wie auch die Protagonistin im Roman, versuchte meine Mutter als Zweijährige nachts aus ihrem Bettchen zu fliehen, um bei ihren Eltern zu schlafen. Dieses Bild beschäftigt mich heute sehr. ~

Die bezaubernde Linda hat dieses Jahr fürs SZ Magazin eine sehr, sehr lesenswerte Kolumne über jüdisches Leben in Deutschland geschrieben. Wer sie noch nicht kennt, sollte das unbedingt nachholen!

Da dieser Beitrag Marken- und Produktnennungen sowie Verlinkungen enthält und das nach derzeitiger Rechtslage als Werbung gilt, kennzeichne ich ihn als WERBUNG. Es handelt sich dennoch um persönliche Empfehlungen.

Vier Lieblingsautor*innen, vier Buchtipps

Ich freue mich riesig, dass ich vier für mich ganz besondere Autor*innen gewinnen konnte, diese Woche mit uns ihre Bücher des Jahres zu teilen. Ob zum Verschenken oder selbst Lesen – es lohnt sich, dabei zu bleiben. Versprochen.

1/4 Simone Buchholz empfiehlt Im Licht der Zeit von Edgar Rai

~ Wenn ich etwas an Büchern nicht mag, dann ist es Eskapismus, außerdem finde ich historische Romane meistens langweilig, und Männer, die über Frauen schreiben, können sich auf allergrößtes Misstrauen von meiner Seite gefasst machen. Edgar Rai hat mit Im Licht der Zeit quasi im Handstreich gegen alle meine Regeln verstoßen, und, wow: Es ist ein wunderbares Buch dabei herausgekommen. Ich habe es auf Lesereise dabei gehabt, ich habe in Flugzeugen gelesen (ich hasse Flugzeuge), in Zügen (ich liebe Züge) und in Hotelzimmern (gespaltenes Verhältnis zu Hotelzimmern), und sobald ich diesen Roman in der Hand hatte, war es mir scheißegal, wo ich mich befand. Denn ich war ins Berlin der 20er Jahre ausgebüxt, ins Leben der jungen Marlene Dietrich, in die Vorbereitungen und schließlich die Dreharbeiten des Films Der Blaue Engel. Edgar Rais Buch ist selbst ein Film, es schreibt einem Bilder und Farben in den Kopf, und die Art, wie er die Geschichte einer Frau erzählt, deren Superkraft Widerspenstigkeit war, ist große Schriftstellerkunst. Des perfekte Buch für jede Zeit des Jahres, aber ich wünschte, ich hätte es noch nicht gelesen und dürfte über Weihnachten einfach wieder damit abhauen. ~

Die wunderbare Simone wohnt bei mir um die Ecke und schreibt tolle Krimis – und das sage ich, die eigentlich gar keine Krimileserin ist –, z.B. den hier, den ich sehr mochte, nicht nur weil die Protagonisten Stanislawski und Thomforde heißen.

Da dieser Beitrag Marken- und Produktnennungen sowie Verlinkungen enthält und das nach derzeitiger Rechtslage als Werbung gilt, kennzeichne ich ihn als WERBUNG. Es handelt sich dennoch um persönliche Empfehlungen.

Was ich dieses Jahr gerne gelesen habe – meine Buchtipps 2019

Freunde und Bekannte meinen oft, dass ich als Lektorin sicherlich unglaublich viel lese, auch in meiner Freizeit. Leider stimmt das nur bedingt. Wenn ich auf die Listen der letzten Jahre gucke (ja, ich führe Buch), finden sich da manchmal nur zwölf, fünfzehn Bücher. Vermutlich wäre die Liste der geguckten Serien in diesen Jahren länger (die führe ich aber noch nicht). Dieses Jahr bin ich zum Glück in den Flow gekommen und habe mich mit 23 bisher gelesenen Büchern selbst übertroffen. Bevor es morgen nach Frankfurt zur Buchmesse geht, hier kurz und knapp meine aktuellen Empfehlungen:

Johan Harstad, Max, Mischa und die Tet-Offensive

Ein Ziegelstein von einem Buch (1244 Seiten), aber so eine gute Geschichte. Über Heimat, Verlust, Einsamkeit, Liebe und Loyalität. Von Norwegen, 1988, bis New York 2012. Und die letzten hundert Seiten liest man am besten, während es draußen regnet und stürmt!

Tara Westover, Befreit

Krass, spannend, wahnsinnig beeindruckend. Tara Westover wächst in den Bergen Idahos auf, ihre Eltern sind Mormonen, ihr Vater ist Fundamentalist und bipolar. Bis sie 17 ist, erfährt sie so gut wie keine Bildung, dann schafft sie es aus eigener Kraft aufs College, nach Cambridge, Harvard. Ihr Horizont weitet sich, doch sie kehrt auch immer wieder in die Berge und zu ihrer Familie zurück – bis das Unvermeidbare eintritt. Eine wahre Geschichte, in USA ein Bestseller.

Michelle Obama, Becoming

Was soll ich sagen? Miss her. And him.

Sarah Kuttner, Kurt

So traurig, und so schön. Ein Roman über einen unvorstellbaren Verlust und über eine bewundernswerte Liebe. Ich hätte auch gern einen Kurt. Schnief.

Giulia Becker, Das Leben ist eines der Härtesten

Tolles Cover, toller Titel. Und lustig ist es auch.

Saša Stanišić, Herkunft

Ein ganz wunderbares Buch. Danke, Saša, fürs Teilen deiner Erfindungen und Erinnerungen. Kleine Vorwarnung: Es gibt verschiedene Enden – was an sich natürlich eine geniale Idee ist, und das muss man auch erstmal durchziehen –, aber wer ein bisschen Angst vor Drachen hat, ist womöglich schneller durch als gedacht.

Stephen Fry, Mythos

Perfekte Urlaubslektüre, aber auch so großartig. Griechische Mythen mit englischem Humor erzählt, nicht zu viel, nur hier und da eine Dosis, die reichte, dass ich ein paarmal laut gelacht habe. „No one loves and quarrels, desires and deceives as boldly or brilliantly as Greek gods and goddesses.“

Sally Rooney, Normal People

Gefiel mir noch besser als Conversations With Friends, obwohl ich über weite Strecken geheult habe. Ein bisschen wie Zwei an einem Tag, nur härter, und am Ende, ach … Griff zum Taschentuch.

Taffy Brodesser-Akner, Fleishman Is in Trouble

So gut. Über Frauen und Männer in ihren Vierzigern, über die Ehe und wie schwierig es sein kann, darin glücklich zu sein und sich nicht selbst zu verlieren, selbst wenn man liebt und geliebt wird. Darüber dass wir alle Fehler machen, aber so viel eher die Fehler der anderen als die eigenen sehen. Nachdenklich stimmend, aber auch sehr unterhaltsam.

Daniele Krien, Die Liebe im Ernstfall

Fünf Frauen, die erkennen müssen, dass die Liebe im Ernstfall kein Garant für dauerhaftes Glück ist, dass man manchmal noch liebt, während der andere schon längst weg ist, wenn auch nur innerlich. In drei Tagen inhaliert, aber anschließend brauchte die Romantikerin in mir mal wieder ein echtes Happyend.

Da dieser Beitrag Marken- und Produktnennungen sowie Verlinkungen enthält und das nach derzeitiger Rechtslage als Werbung gilt, kennzeichne ich ihn als WERBUNG. Es handelt sich dennoch um persönliche Empfehlungen.

Martha und das Meer

Martha wächst in den Fünfzigern in Dover auf und schwimmt jeden Tag im Meer – bis sie John kennenlernt und heiratet. Fortan kümmert sie sich um den Haushalt und die Kinder und hält ihrem Mann den Rücken frei. Ausgerechnet als dieser eines Tages seinen Boss zum Essen eingeladen hat, bricht Marthas Sehnsucht nach mehr sich Bahn, und statt sich um den Braten zu kümmern, kehrt sie zurück ins Salzwasser. Ein paar Jahre später wird sie das erste Mal versuchen, den Ärmelkanal zu überqueren, später wird es ihr mehrfach gelingen.
«Fast völlig untergetaucht durch das Meer zu gleiten, war für mich wie immer ein Rückzug in eine andere Welt gewesen. Wenn ich kraulte, war ich vollkommen nach innen gewandt, alles andere existierte nicht mehr, und die absolute Stille, die mir das Schwimmen schenkte, war einzigartig. Bei keiner anderen Form des Alleinseins – weder in der Bibliothek noch wenn ich irgendwo auf einer Bank saß – konnten meine Gedanken so frei umherziehen, die Wildnis meiner Fantasien durchstreifen und die Hunderte von anderen Leben, die ich mir für mich ausgemalt hatte. Das ging nur, wenn ich im Wasser war.»
Ausgehend vom Umschlag der deutschen Ausgabe habe ich einen leichten Schmöker erwartet, aber schon auf den ersten Seiten gemerkt, dass in diesem Buch viel mehr steckt. Es geht um die Liebe einer Frau zum Schwimmen, aber auch um die Ehe und darum, was das heißt: «In guten wie in schlechten Tagen.» Um Kinder, die sich entfremden, und Eltern die krank und dement werden, und darum, was das mit einer Familie macht.
Dieser Roman hat definitiv mehr vom rauen Schwimmen in der kalten, englischen See als von dem Schönwetterschwimmen, das ich im Urlaub mache. Ich war schon durch, als ich die kanadische Ausgabe in meinem Regal entdeckte, deren Cover ich viel passender und schöner finde. Aber klar, kommerzieller ist die deutsche Gestaltung und auf ganz andere Art ja auch schön, ebenso wie der Titel. Und weil ich das Buch nun doppelt habe, verschenke ich die deutsche Ausgabe. Wer mag?