Noch mehr Buchtipps von noch mehr tollen Kolleginnen

Carolin empfiehlt The Most Fun We Ever Had von Claire Lombardo

The Most Fun We Ever Had war für mich eins dieser Bücher, nach denen ich erstmal eine Lesepause brauche, weil ich so traurig bin, dass es zu Ende ist, und es mir wie ein Verrat vorkäme, direkt zum nächsten Buch überzugehen. Ein dickes Buch (was mich eigentlich immer erstmal abschreckt), das mich komplett begeistert hat. Es geht um die Familie Sorenson, Marilyn und David und ihre vier erwachsenen Töchter Wendy, Violet, Grace und Liza, die wir (nicht chronologisch) in der Zeit von 1975 bis 2016 begleiten. Ich will gar nicht zu viel zum Inhalt verraten, aber es stellte sich mir bei mir der gleiche Effekt ein wie zum Beispiel bei Franzens Korrekturen: Jedes Mal, wenn die Erzählung wieder zu einem anderen Familienmitglied sprang, war ich einerseits kurz traurig, weil man jemanden verließ, um dann im nächsten Moment zu denken: Ach ja, wie geht’s denn eigentlich Grace/David/Wendy? Die Figuren sind alle so wunderbar unperfekt, relatable und faszinierend zugleich. Ein Buch über Familie, Frauen, Liebe, Verlust, Geheimnisse – absolute Lesempfehlung! Auf Deutsch ist es bei dtv erschienen unter dem Titel Der größte Spaß, den wir je hatten.

Lisa Marie empfiehlt Max, Mischa & die Tet-Offensive von Johan Harstad

Meine Kolleginnen werden vielleicht schmunzeln, wenn sie diese Zeilen lesen, weil es mein Herzensbuch des letzten Jahres war und ich meine Begeisterung über Monate durch die Verlagsflure trug. Vielleicht ist es auch mein Herzensbuch für immer. Und vielleicht und ganz besonders gerade jetzt, weil man in diesen Zeiten ein Buch an seiner Seite braucht, das einem die Einsamkeit nimmt. Figuren, die einen an die Hand nehmen, das Leben teilen, mit all seiner Tragik, Komik und Schönheit. Figuren, die meine Freunde wurden, die mich wieder und wieder wohlig in den Arm schlossen, auch wenn wir für eine längere Zeit voneinander getrennt waren.

Ich habe Sätze gelesen, die ich nicht vergessen konnte, die ich abtippte, egal ob es zwei oder fünf SMS wurden, um sie Herzensmenschen meines Lebens zu schicken. Ich habe gelitten über jede schlechte Kritik, habe in den Wochen rund um Erscheinen mehrmals am Tag die Amazon-Bewertungen aktualisiert. Ich habe Kunstwerke des Autors, die neben so vielem anderen eine große Rolle im Buch spielen, an meine Wohnzimmerwand gehängt, habe Filme nachgeschaut, die zwischen den Seiten kurz erwähnt oder lang besprochen wurden. Ich habe Klavier-und Jazzmusik gehört, im stetigen Wechsel und über Wochen, weil sie einige Figuren über eine lange Zeit begleiten. Ich folge seitdem der Spotify-Liste, die es zu diesem Roman gibt. Das Buch und ich, wir wurden zu einer Lovestory.

Ja, es ist ein Herzensbuch und was für eines. Auf dass es in die Welt getragen werden und Menschen finden möge, die Liebende werden, am besten für immer.

Anne-Claire empfiehlt, etwas zu basteln, wenn gerade keine Muße zum Lesen ist

Um es mit den Worten von Marlene Hellene zu sagen: „Gleichzeitig Home-Officeing, Home-Schooling, Home-Haushalting und Home-Bespaßungsclowning. Ergibt Home-Nervenzusammenbruching.“ Ganz so schlimm ist es nicht, aber gefühlt rast mein Hirn seit 7 Wochen – insbesondere dann, wenn es ruhig wird, die Kinder eingeschlafen sind und eigentlich Zeit zum entspannten Lesen ist. Dann springe ich noch schnell auf Spiegel Online, um mir die neuesten Corona-Entwicklungen durchzulesen, überlege, welches Mittagessen am nächsten Tag zeitlich zwischen Google-Hangout und akuter 6-jährigen Unterzuckerung passt, ob schon neue Vorschulmaterialien zum Download bereitstehen, wann der nächste Einkauf fällig ist, und wo die Liste mit den Dingen liegt, die ich noch meinen Eltern bringen wollte.

Was mich statt Lesen runter gebracht hat, ist etwas ganz anderes: Schneiden und Kleben. Ein Jahr nach unserem Japan-Urlaub im vergangenen Jahr, habe ich endlich Erinnerungsalben für meine Kinder gebastelt, habe Materialien sortiert, die seit unserer Rückkehr in einer Tüte lagerten, Bilder ausgeschnitten und Eintrittskarten aufgeklebt. Wenn ich Papier in meinen Fingern habe und konzentriert eine Linie entlang schneide, dann hat das für mich etwas Meditatives. Und die Erinnerung an unsere Erlebnisse im fernen Japan haben den Radius meiner aktuell sehr kleinen Welt wieder etwas größer werden lassen. Begleitet auf meiner Erinnerungsreise haben mich zwei Bücher: Japan. Der illustrierte Guide von Marco Reggiani mit Illustrationen von Sabrina Ferrero und Tokyo on Foot. A graphic memoir and sketchbook von Florent Chavouet. Die Stile beider Bücher könnten unterschiedlicher nicht sein – vielleicht so gegensätzlich wie das Land selbst.

Während Reggiani mit seinem Buch eher einen klassischen Reiseführer verfasst hat und neben Sitten und Gebräuchen die gängigen Sehenswürdigkeiten und Highlights der japanischen Küche abbildet, hat der Franzose Chavouet auf seinen Streifzügen durch die japanische Metropole Beobachtungen aus dem japanischen Alltag eingefangen. Sein Skizzenbuch wurde ein Reisetagebuch seines sechsmonatigen Aufenthalts in Tokyo.

Und zu guter Letzt auch noch eine Empfehlung der Bücher eines japanischen Illustrators, Hirofumi Kamigaki/ Ic4design, für alle Unruhegeister, die gerne Knobeln: Bei den labyrinthischen Suchbilderbüchern kommen von 6 bis 99 Jahren alle auf ihre Kosten und auch beim X-ten Blick ins Buch gibt es auf jeder Seite wieder etwas Neues zu entdecken.

Danke, ihr Lieben! Na, denn auf zur Buchhandlung eures Vertrauens!

Dinner for One: Spargelrisotto

Ihr Lieben, wie geht es euch? Ich habe heute den Boden in der gesamten Wohnung gewischt (eventuell das erste Mal seit Einzug vor acht Jahren) sowie den Hula-Hoop-Reifen vom Dachboden geholt und zehn Minuten lang zu beherrschen versucht (Muskelkater morgen garantiert; und nein, das fällt für mich nicht unter Selbstoptimierung, sonder unter: whatever keeps me sane and happy). Darunter fällt auch Kochen. Und besonders happy macht mich die Kombi aus Spargel und Risotto.

Zutaten für zwei Portionen:

1 kleine Zwiebel

250 Gramm Spargel (grün/weiß oder gemischt)

40 Gramm Parmesan

180 Gramm Risottoreis

Ca. 800 Milliliter Gemüsebrühe

Ein großzügiger Schuss Weißwein

Evtl. ein bisschen Zitronensaft

1 Stück Butter

Salz & Pfeffer

Zwiebeln klein schneiden und in einem Topf in etwas Olivenöl bei mittlerer Hitze glasig dünsten. Risottoreis hinzufügen und ca. eine Minute unter Rühren mit erhitzen. Mit Weißwein ablöschen, weiter rühren. Wenn der Wein eingekocht ist, gerade so viel heiße Brühe hinzufügen, dass der Reis bedeckt ist. Der braucht jetzt noch circa 20 Minuten.

Währenddessen weißen Spargel schälen, von grünem und weißem Spargel die Enden entfernen und die Stangen in mundgerechte Stücke schneiden. In einem Topf mit Wasser und je einer großen Prise Salz und Zucker den weißen Spargel ca. 10, den grünen ca. 5 Minuten kochen (ich mag die Kombi aus beidem und schmeiß den grünen Spargel einfach etwas später dazu). Anschließend abgießen.

Gleichzeitig das Risotto im Blick behalten, immer mal wieder Brühe nachgießen und schön rühren. Zitrone ausdrücken, Parmesan reiben. Zum Ende der Garzeit Risotto mit Salz und Pfeffer und etwas Zitronensaft abschmecken. Zum Schluss Spargelstücke und Parmesan unterheben.

PS Und ja, hier wird der Weißwein inzwischen aus Saftgläsern getrunken.

Wenn das alles überstanden ist, werde ich …

~ mindestens dreimal die Woche schwimmen gehen,

~ ins Büro meinen neuen Rock/Hose/Schuhe/Bluse … tragen,

~ nach der Arbeit einen Whisky Sour im Walrus trinken und mit meinem Lieblingsbarkeeper quatschen,

~ mir eine Massage gönnen,

~ und eine Pediküre,

~ mit meinen Mädels auf dem Balkon sitzen und Weißwein trinken,

~ mit Neffe #3 einen Tantentag machen inklusive Fährefahren und Eisessen,

~ Freitagabend mit einer der Besten im Krug essen gehen,

~ mit meinen Jungs Fußball gucken,

~ Freunde zu einem Drei-Gänge-Menü in meine Küche einladen,

~ an die Nordsee fahren – und atmen,

~ die Beauty-Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe besuchen,

~ nach Berlin fahren und mit zwei tollen Autorinnen Kaffee/Wein trinken und sie überzeugen, ein Buch zu schreiben,

~ Samstagvormittag (nach dem Schwimmen) vor meinem liebsten portugiesischen Café sitzen, Avocadotoast essen, Kaffee trinken, Zeitung lesen, Leute gucken,

~ einen Flug nach Griechenland buchen – und nach New York,

~ küssen.

Und ihr so?

Julia und das Meer

Ich stehe an Deck und schaue mit einer Mischung aus Vorfreude und Nervosität aufs Meer. Dimitris bringt mit seinem kleinen Ausflugsboot normalerweise Touristen an die einsamen, nur vom Wasser aus zugänglichen Strände. Heute hat er eine etwas andere Gruppe als sonst an Bord: 14 Frauen und Männer, die gleich ins Wasser springen werden, um 2 Kilometer rund um eine Insel zu kraulen. Swimtrekking nennt sich das und ist eigentlich gar nicht so verrückt, wie es sich im ersten Moment vielleicht anhört. Andere wandern in ihrem Urlaub, wir schwimmen.

Simon, einer unserer zwei Guides, signalisiert, dass es Zeit für die Oranges ist. Wir sind in drei Gruppen eingeteilt, je nach Schwimmtempo, ich bin in der langsamen mit den orangen Badekappen. Wir starten als erstes mit etwas Vorsprung vor den gelben und pinken Kappen, so dass wir am Ende ungefähr zeitgleich ans Ziel kommen. Bevor es losgeht, heißt es allerdings erst noch Arme hoch: Eoin, unser zweiter Guide, hat die Ehre, uns an den empfindlichen Stellen – unter den Achseln und den Badeanzugträgern – mit Vaseline einzureiben, zum Schutz, damit wir uns im Salzwasser nicht wund reiben.

Ein letztes Mal prüfe ich, ob meine Schwimmbrille wirklich fest sitzt – nichts ist nerviger als Salzwasser, das beim Schwimmen in die Augen rinnt –, dann springe ich. Als wir vier vollzählig im Wasser sind, stimmen wir uns noch einmal über die Richtung ab, in die wir schwimmen sollen – im Uhrzeigersinn rund um Mourteméno. Mourteméno ist eine von vier kleinen, unbewohnten Inseln, die direkt vor dem griechischen Festland im Ionischen Meer liegen, dicht bewaldet mit Olivenbäumen und Pinien und mit nur ein paar vereinzelten Kiesstränden. Ich mache wie immer erst ein paar Brustzüge, dann verfalle ich ins Kraulen. Alle Nervosität ist verflogen. Ich atme nach rechts, zwei Armzüge, atme nach links – und grinse von Ohr zu Ohr: Das Meer ist spiegelglatt, das Wasser hat angenehme 21 Grad, und unter mir erstreckt sich eine wunderschöne Landschaft. Mourteménos zerklüfteter Felskranz nimmt unter Wasser die wildesten Formen an. Es gibt so viel zu sehen und zu entdecken, dass Simon, der uns in einem kleinen Boot begleitet, immer wieder ermahnend ruft: „Don’t race, explore!“ Das muss man mir nicht zweimal sagen.

Wir schwimmen in Höhlen hinein und durch Gesteinsbögen hindurch. Ich nehme jede Nische mit, entdecke karminrote Seesterne, die an Steinbrocken kleben, umschiffe vorsichtig alle Seeigel, sehe Fische in den unterschiedlichsten Farben und Formen – von blaugrünen Winzlingen, die nicht mal die Größe meines kleinen Fingers haben, dafür nur im Schwarm auftreten und stets ganz hektisch werden, wenn ich mich nähere, über zitronengelbschwarzweiß gemusterte Schönheiten, die elegant allein zwischen den Felsen posieren, bis hin zu handgroßen Dunkelgrauen, die sich im Seegras verstecken. Als würde man in einem Aquarium schwimmen.

Nach circa einer Stunde haben wir die Insel umrundet und klettern beseelt an Deck. Nachmittags umschwimmen wir zur Hälfte die Nachbarinsel Ágios Nikólaos und landen nach 1,7 Kilometern an einem traumhaften, kleinen Kiesstrand, wo uns Eion mit Kaffee und Keksen begrüßt. Das Wasser schimmert hier im schönsten Türkis – in der Karibik kann es kaum besser sein.

Abends sitzt die gesamte Gruppe in einer Taverne am Hafen zusammen. Wir sind wie immer ein bunt gemischter Haufen, zwischen 26 und 62, vier Deutsche, zwei Amerikaner, sieben Briten – von denen eine in Shanghai lebt, ein anderer in Spanien –, einer von uns ist gar aus Simbabwe angereist. Wir bestellen griechischen Salat, Mezze und frischen Fisch, auf dem Tisch sammeln sich Bier-, Wein- und Ouzo-Gläser. Schwimmen macht hungrig und durstig. Simon erzählt uns, wie er zu seinem Job kam. Er war schon immer ein begeisterter Wassersportler, doch erst vor Kurzem, mit Mitte fünfzig, hat er seinen Bürojob an den Nagel gehängt und den Schreibtisch gegen das Meer eingetauscht. Mehrer Wochen im Jahr ist er nun an den verschiedensten Locations für Swimtrek tätig, und so, wie er uns jeden Tag mit einem Strahlen im Gesicht begrüßt, ahnt man: Der Jobwechsel war die beste Entscheidung.

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Am nächsten Tag fühlen sich meine Arme zunächst schwer an, der Nacken ist verspannt, aber dann gibt es wieder so viel zu entdecken, dass jedes Ziepen bald vergessen ist.

An Tag drei gesellt sich zum Muskelkater der Sonnenbrand – bei mehr als einer Stunde im Wasser habe ich selbst mit Lichtschutzfaktor 50 keine Chance, dafür am Ende des Urlaubs so braune Oberschenkel – hinten! – wie sonst nie. Um meinen geröteten Rücken zu schützen, trage ich ein langärmliges Schwimmshirt. Heute steht nur ein langer Swim an, 4 Kilometer rund um Mourtos – ein weiterer dunkelgrüner Klecks mit hellgrauem Rand im ionischen Blau. Mir ist ein wenig mulmig, die 2,5 Kilometer gestern Vormittag waren nicht ohne. Und auch in Hamburg, im Becken, schwimme ich maximal 2,5 Kilometer. Dabei weiß ich: Die Distanz ist nicht das eigentliche Problem, es ist meine ewige Sorge, mit den anderen nicht mithalten zu können.

Ich rufe mir einen Satz von Tasmin ins Gedächtnis, mein Guide im letzten Urlaub. Sie stammt von den Kanalinseln, hat mehrere Channel Swims begleitet und sagte mir: „Open Water Swimming is 10 % physicality and 90 % mentality.“ Also einatmen, ausatmen und Sprung ins nächste Abenteuer.

Wir sind inzwischen nur noch drei Oranges, Rihannon, die im Swimtrek-Büro arbeitet, musste schon zurück. Mit mir schwimmen nun noch Sheryl und Richard. Die Wasseroberfläche ist wieder glatt wie in der Badewanne, wir drei haben fast das gleiche Tempo, ich finde schnell in meinen Rhythmus, die Arme fühlen sich erstaunlicherweise leichter an als gestern, ich kraule Zug um Zug, höre nichts als meinen gurgelnden Atem, und nach circa einem halben Kilometer weiß ich: Das wird heute gut.

Simon behält uns immer im Blick, wahrt aber mit seinem Boot so viel Abstand, dass wir uns auf gute Weise allein fühlen. Nur ab und zu schwimmen wir zu ihm ran, dann bekommen wir ein Update, wieviel Strecke wir schon geschafft haben, und etwas zu trinken. Zur Feier des langen Swims reichen die Guides heute auch Weingummi-Colaflaschen – sie neutralisieren zumindest für kurze Zeit den Salzgeschmack im Mund.

Irgendwann verlieren wir fast noch eine orange Badekappe: Richard steuert unvermittelt die Nachbarinsel an, wird aber von Simon wieder eingefangen. Ich muss schmunzeln, am ersten Abend hat sich Richard mit den Worten vorgestellt: „My orientation is disastrous.“ Oh ja. Ich warte nur darauf, dass er mit einem Felsen kollidiert, doch stets bremst er in letzter Sekunde ab, guckt kurz überrascht nach dem Motto „Was machst du denn hier?“ und schwimmt weiter. Im Gegensatz zu ihm atme ich zum Glück zu beiden Seiten, was im Meer ein echter Vorteil ist.

Nach fast zwei Stunden erreichen wir einen Strand, der heute unser Ziel sein sollte, doch dort ankern gerade zwei Partyschiffe, im Wasser lauter Menschen mit Poolnudeln, und wir beschließen einstimmig: Wir schwimmen weiter. Über soviel Schwimm-Leidenschaft freut sich Simon natürlich und gibt den neuen Zielort per Funk an Dimitris durch. Als ich dort nach 4 Kilometern schließlich an Deck krabble, reicht mir jemand aus der Gruppe als erstes ein kaltes Bier. Ich bin geschafft – und so glücklich wie lange nicht.

In den letzten beiden Jahren hat mich das Leben ganz schön geschüttelt. In diesem Augenblick habe ich das erste Mal wieder das Gefühl, ganz bei mir zu sein, mir fehlt nichts und niemand. Schwimmen ist eben wie jede sportliche Aktivität immer auch therapeutisch – ebenso, wie in freier Natur zu sein. Mein größtes Glück ist es daher, wenn alles stimmt und ich in den Flow komme: Wenn das Wasser glatt ist, nichts weh tut, ich meinen Rhythmus finde und mit der Gruppe gut mithalten kann. So wie heute. Dann geraten auch meine Gedanken, die sich zuhause noch im Kreis drehten, in Fluss. Was vor zwei Wochen noch groß erschien, wird auf einmal ganz klein. Bis ich über nichts mehr nachdenke. Außer: Ach, guck, da ein oranger Seestern.

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Auch am vierten Tag erwartet uns wieder ruhige See. Wir machen vormittags zwei Crossings, das heißt, wir schwimmen vom Festland zur Insel, die in diesem Fall eher ein großer, karger Felsbrocken ist. Das Tolle an Crossings: Irgendwann geht es unter dir so tief runter, dass du keinen Boden mehr siehst, nur endloses Blau, in das die Sonne diffuse Strahlen wirft. Vom Felsbrocken weiter zur nächsten Insel, die wir wiederum umrunden. Klein Mourteméno ist wie ein großer Spielplatz für Schwimmer. Immer mal wieder klettere ich unterwegs auf einen Stein, um die Aussicht zu genießen und zu schauen, ob ich die pinken oder gelben Badekappen, die uns auf den Fersen sind, erspähen kann. Nachmittags umrunden wir die zweite Hälfte von Ágios Nikólaos – damit haben wir alle vier Inseln geschafft.

Um ehrlich zu sein: Wir haben auf diesem Swimtrek geradezu perfekte Bedingungen. Das ist nicht immer so, gutes Wetter und Windstille kann man nicht buchen. Ich bin auch schon derart hart gegen Wellen und Strömung an geschwommen, dass ich das Gefühl hatte, nicht von der Stelle zu kommen, dass ich statt Luft zu holen eine ordentliche Ladung Salzwasser schluckte und dachte: Warum mache ich den Scheiß hier eigentlich? Wieso liege ich nicht einfach nur faul am Strand? Doch dann saß ich kurze Zeit später mit einem Becher heißen Tees an Deck, schaute aufs wogende Meer und war ein kleines bisschen stolz, dass ich auch diese Herausforderung gemeistert hatte. Und mit jedem Swimtrek wächst mein Selbstvertrauen. Inzwischen traue ich mich auch, alleine im offenen Meer zu schwimmen – vor ein paar Jahren noch undenkbar.

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Am letzten Tag komme ich schließlich doch trotz perfekter Bedingungen an meine Grenzen: Wir schwimmen wieder 4 Kilometer am Stück, diesmal entlang des Festlands, und ich spüre deutlich, dass mir schon vier Tage Schwimmen in den Knochen und Muskeln stecken. Meine Arme fühlen sich bleischwer an, die Schulter ziept, jeder Armzug scheint ein Kraftakt. Während Sheryl und Richard vor mir, wie mir scheint, mit jedem Tag schneller werden, schwimme ich immer langsamer. Jetzt hilft nur, sich nicht auf die Zipperlein zu fokussieren, sondern zu versuchen, trotzdem jede Minute im Wasser zu genießen. Ich konzentriere mich auf meine Technik und rufe mir die Tipps ins Gedächtnis, die mir Simon gegeben hat: Ellenbogen hoch – aua – und immer schön mit dem Oberkörper rotieren. Und während ich in meinen Rhythmus zurückfinde, wiederhole ich im Kopf mantraartig einen Satz, den mir ein Schwimmbuddy auf meinem ersten Swimtrek mitgab. Er würde sich immer bei seinem Körper bedanken. Klingt vielleicht etwas eso, aber es stimmt: Ich bin meinem Körper, der mich mehr oder weniger geschmeidig durchs Wasser trägt, dankbar. Ich hatte schon mehrere Bandscheibenvorfälle, an der Hals- und an der Lendenwirbelsäule, über Monate chronische Schmerzen, und jetzt schwimme ich mehrere Kilometer durchs offene Meer. Daher: „Thank you, body. Thank you, body. Thank you, body.“

So hangele ich mich die Küste entlang, als mir auf einmal Richard entgegen kommt. Das kann doch nicht sein, denke ich, dass er derart die Orientierung verloren hat, und frage lachend: „What are you doing?“ Mit schönstem britischen Understatement antwortet er: „Oh, just taking a little swim. How about you?“ Dabei hat ihn natürlich Simon aufgefordert, eine Extra-Runde zu drehen – so sorgen die Guides dafür, dass wir als Gruppe nicht zu weit auseinander driften.

Dann kurz vor Schluss ein letztes Highlight: zwei Höhlen. In der ersten ist das Wasser auf einmal so eisig, dass man darin Weißwein kühlen könnte. Die zweite fasst gerade mal drei Schwimmer, hat aber auf ihrem Grund runde, große, weiße Steine, so dass es überhaupt nicht dunkel darin ist. Wir schießen noch ein paar Erinnerungsfotos, bevor wir uns vom Ionischen Meer verabschieden.

In fünf Tagen sind wir gut 20 Kilometer geschwommen. Nachmittags falle ich im Hotel in ein zweistündiges Koma. Spätabends, nach einem fröhlich-wehmütigen, letzten Dinner mit der Gruppe, die mir in kurzer Zeit ans Herz gewachsen ist, sitze ich mit einem Glas Weißwein und einer Zigarette auf dem Balkon. Ich schaue auf die Segelbootmasten und Lichter von Sivotas Hafen, mein Herz ist leicht, ich bin so froh und dankbar und überlege, wo es als nächstes hingehen könnte. Denn egal ob Griechenland, Kroatien oder Italien – auch nächstes Jahr werde ich wieder schwimmen, soviel steht fest. Die See ist immer noch ruhig. Alles ist möglich.

(Ionian Explorer, Juni 2019)

Info

SwimTrek gibt es seit 2003. Damals begann alles mit einem Trip auf den Kleinen Kykladen. Zehn Jahre später war genau das auch mein erster Swimtrek. Inzwischen gibt es Ziele auf der ganzen Welt, in Europa u.a. in Italien, Kroatien, Montenego, darüber hinaus in der Karibik, auf den Galapagos Inseln, Seychellen und Malediven.

Drei Buchtipps von drei tollen Kolleginnen

Selbst wenn ihr gerade nicht die Muße zum Lesen findet – mir geht es so –, es kommen ja hoffentlich wieder ruhigere Zeiten. Daher: Wenn euch eine dieser Empfehlungen anspricht oder irgendein anderes Buch schon lange auf eurer Wunschliste steht, bitte bestellt es jetzt. Oder schickt es jemandem, den ihr vermisst, weil ihr sie oder ihn gerade nicht sehen könnt. Der lokale Buchhandel braucht euch, und wir (die Verlage) brauchen euch auch.

Sabina empfiehlt The Overstory von Richard Powers

Die Bücher, die ich liebe, sind die, die bleiben. Sie prägen sich so tief ein, es fühlt sich an, als hätte ich sie immer dabei. The Overstory (dt. Die Wurzeln des Lebens) von Richard Powers ist so ein Buch. Es ist gefüllt mit Sätzen, deren Anmut und Tiefe immer wieder überraschen. Powers‘ Worte sind tröstend; man möchte sie unterstreichen und immer wieder lesen. Und dass ich ihn einen Freund nennen darf, macht sie sicherlich umso bewegender.
The Overstory birgt Hoffnung und Schmerz und so viel Empathie für das, was wir Leben nennen. Und erweckt in jedem die Liebe für die Natur. Danach wirst du Bäume nie wieder im gleichen Licht sehen. Der Roman öffnet dir die Augen für den erstaunlich großen Unterschied zwischen all der Schönheit, die uns umgibt und der Bedeutungslosigkeit all der Dinge, mit denen wir uns täglich beschäftigen. Aber: “the best arguments in the world won’t change a person’s mind. The only thing that can do that is a good story.” Go see for yourself.

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Marle empfiehlt My Sister, the Serial Killer von Oyinkan Braithwaite

My Sister, the Serial Killer von Oyinkan Braithwaite habe ich mir im Februar bei einem langen Wochenende in London gekauft, bevor das alles losging. Erwartet habe ich einen Krimi, bekommen habe ich eine meisterhaft erzählte Geschichten über zwei ungleiche Schwestern, die zueinander halten, egal, wie ihr Verhältnis zueinander ist. Denn das ist keineswegs konfliktfrei, wie der Titel schon vermuten lässt. Die Beziehung ist geprägt von Eifersucht, ungleiche Behandlung durch die Mutter und andere, unterschiedliche Lebenswege und Abhängigkeit voneinander. Aber auch von Liebe zueinander und am Ende ist Blut dann doch dicker als Wasser. Die Handlung ist sehr komprimiert, kurze Kapitel beleuchten die Vergangenheit der Familie, und die Autorin hat in mir große Sympathie geweckt, sowohl für die Erzählerin als auch für ihre serienmordende Schwester.

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Heidi empfiehlt Superbusen von Paula Irmschler

Paula Irmschlers Superbusen empfahl mir Margarete Stokowski in ihrem diesjährigen ersten und einzigen taz Buchmesse Blog Eintrag zur abgesagten Leipziger Buchmesse Anfang März. Dieses Buch ist von außen wie von innen schön. Ich habe Superbusen an einem Tag verschlungen, wie mir das zuletzt nur mit Netflix-Serien gelang. Ich wollte dabei sein, in Giselas Leben, verfluchte mich, dass ich niemals Teil einer Band war und schätzte mich glücklich über die wichtigen Lieblingsmenschen in meinem Leben, denen ich zwischendurch Zitate aus dem Buch per WhatsApp schickte, z.B. „Wir waren nicht anti-intellektuell, wir hatten nur immer anderes zu tun“. Lest dieses Buch, es handelt von Freundschaft, es ist ein politisches Buch, antifaschistisch, stark, liebevoll, macht gute Laune, ist feministisch, und es geht um Musik und auch um Ost – West. Nach diesem gleichermaßen schlauen wie witzigen Buch hätte ich keine Enttäuschung ertragen können, daher lese ich jetzt zum bestimmt zehnten Mal Die rote Zora und ihre Bande von Kurt Held. Mein Klassiker. Auch ein Buch über Freundschaft und ein unerschrockenes tolles Mädchen.

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Danke, ihr Lieben!

Comfort Food: Pasta mit Kürbis und Salsiccia

In diesen Zeiten brauchen wir mehr denn je Essen für die Seele. Diese Nudeln machen mich sehr glücklich, euch hoffentlich auch.

Zutaten für vier Portionen:

300 g Salsiccia

1 TL Mehl

Olivenöl

1 mittelgroße Zwiebel

150 ml Weißwein

700 g Fleisch vom Hokkaidokürbis

250 g kurze Pasta

Etwas gehackte Petersilie

Parmesan

Statt Salsiccia kann man auch Merguez, Chorizo oder normale Bratwurst nehmen. Vegetarier lassen die Wurst einfach ganz weg.

Wurstbrät aus der Haut befreien, Brät mit der Gabel zerteilen, dann in Mehl wenden und in wenig Olivenöl in der Pfanne anbraten.

Zwiebeln in Ringe schneiden und hinzufügen, 5 Minuten lang dünsten.

Währenddessen Kürbis klein würfeln. Dann mit Weißwein ablöschen und Kürbis hinzufügen. Salzen. Deckel auf die Pfanne setzen und alles ca. 25 Minuten dünsten.

Währenddessen Pasta aufsetzen. Pasta abgießen, vorher eine Tasse Nudelwasser abschöpfen.

Alles gut miteinander vermengen und nochmal erhitzen. Petersilie unterrühren. Mit Parmesan servieren.

Schmecken lassen & kurz abschalten!

Zusammen ist man weniger allein

Ihr Lieben, wie geht es euch? Ich hoffe, ihr seid alle gut durch die letzte Woche gekommen. Ich befinde mich stimmungsmäßig in einem ständigen Auf und Ab und vermute, den meisten geht es ähnlich. Aber alles in allem habe ich mich zuhause gut eingerichtet. Wohl wissend, dass viele von euch in einer anderen Situation sind, sich um kleine Kinder kümmern müssen oder gar nicht zuhause sind, weil der Job das nicht zulässt, hier ein paar Dinge und Ideen, die mir die letzten Tage etwas leichter gemacht haben. Vieles davon ist sicherlich bekannt, aber vielleicht ist ja doch noch das ein oder andere für euch dabei.

Routinen – Ein halbwegs fester Tagesablauf hilft mir gerade sehr. Den Wecker habe ich zwar ausgestellt, aber meine innere Uhr weckt mich ohnehin um 7 Uhr. Dann trinke ich erstmal einen Kaffee im Bett und klicke mich durch die sozialen Medien. Da mir diese derzeit aber nur in Maßen gut tun, ist danach Pause, bestenfalls bis Mittag. (Naja, man kann’s ja mal versuchen …)

Nach dem Frühstück geht’s um 9 Uhr ins Homeoffice – das ist bei mir die Küche. 11 Uhr Videocall mit der Abteilung. Erstes Highlight des Tages!

12 Uhr 30 Mittagspause im Wohnzimmer. Man muss ja zumindest mal den Raum wechseln. Beim Essen kein Handy, stattdessen gucke ich einfach nur aus dem Fenster.

Zwischen 14 und 15 Uhr an die frische Luft, wenn möglich, wobei ich das vielleicht in der nächsten Woche auf morgens verlegen werde, wenn halb St. Pauli noch schläft.

Nach Feierabend höre ich mir den NDR Info Podcast mit dem tollen Christian Drosten an. Seine ruhige Art finde ich wahnsinnig wohltuend für die Nerven.

Noch besser für die Nerven: eine halbe Stunde Yoga, die ich mir jetzt unter der Woche täglich verordnet habe. Ich liebe Adriene, aber wer lieber Pilates oder Krafttraining macht, wird auf YouTube sicherlich auch fündig. Meiner Nichte und meinen Neffen habe ich Kindersport mit Alba Berlin empfohlen.

Auch beim Kochen kann ich gut abschalten. Ich hab mir einen groben Wochenplan gemacht, damit ich nur einmal die Woche einkaufen muss. Habt ihr Bedarf an einfachen Rezepten? Dann gebt Bescheid!

Freitag habe ich mir Abendessen bei meinem Lieblingsrestaurant in der Nachbarschaft bestellt. Das bieten jetzt auch viele an, die sonst nicht liefern. Und so kann man helfen, damit das Lieblingsrestaurant auch nach der Krise hoffentlich noch da ist. Und dann nicht damit vor den Fernseher, sonder schön den Tisch decken und das Essen zelebrieren!

TV aka Netflix gucke ich gerade nur in Maßen. Lieber würde ich mehr lesen. Letzte Woche haperte es noch mit der Konzentration. Ich hoffe, das wird besser. Meine Buchtipps findet ihr hier und hier. Ich versuche, auch noch ein paar neue zusammenzutragen. Bücher am besten bei der kleinen Buchhandlung im Viertel bestellen. Ich habe Freitagmorgen bei meiner angerufen, Samstagmittag wurde geliefert.

Fast jeden Abend war ich zum Telefonieren verabredet. Am besten macht man das jetzt per FaceTime, Skype oder Google Hangout. Dann glüht das Ohr nicht nach einer Stunde, und es ist so schön, das Gesicht der Freundin zu sehen und ihr mit einem Glas Wein zuzuprosten. Morgen wird auch das Treffen mit meinen LitLadies (ein kleiner Literaturkreis mit drei Freundinnen) nicht ausfallen, sondern stattdessen per Videokonferenz stattfinden. Ich freue mich schon drauf!

Tagebuch schreiben hilft mir enorm. Am Ende des Tages einmal Gedanken sortieren und vor allem auch festhalten, was alles Schönes passiert ist, wofür ich dankbar bin. Und das ist viel.

Donnerstag war ich auf einer Lesung! Der tolle Saša hat in seinem Wohnzimmer vor der Kamera gelesen. Ich habe in meinem Wohnzimmer zugeguckt – und eine Stunde lang so gut wie nicht an Corona gedacht. Hat großen Spaß gemacht, und ganz nebenbei hat er noch 17.000 Euro Spenden gesammelt für Seebrücke und Medico International. Dienstag gibt’s eine Wiederholung, ich empfehle dringend einzuschalten (auf Instgram oder hier).

Igor Levit gibt fast jeden Abend um 19 Uhr ein Hauskonzert (via Twitter). Habe ich bisher nicht geschafft, aber mach ich nächste Woche mal als Begleitung zum Kochen an.

Statt Casual Friday haben meine Kollegin Sabina und ich den Fancy Friday ausgerufen. Einfach mal Lippenstift im Homeoffice auftragen – sorgt für große Freude im Videocall. Trust me.

Was ich noch vorhabe:

Blut spenden (es herrscht gerade dringender Bedarf).

Mich in der Apotheke auf St. Pauli in eine Liste eintragen, die dort ausliegt. Leute, die helfen können, werden so mit Menschen in der Nachbarschaft verknüpft, die Hilfe benötigen, etwa beim Einkauf.

Wein bestellen. Aber nicht jeden Abend Wein trinken.

Kommt gut durch die nächste Zeit, haltet euch wacker und bleibt gesund! Soziale Distanz ist gerade unabdingbar, emotionale Nähe dafür umso wichtiger. Ich glaube fest daran, dass uns diese verrückten Wochen näher zusammen bringen werden.

Alles Liebe

Eure Julia

Zu früh, zu schnell, zu viel

Ich möchte etwas über Trauer schreiben. Das ist nicht so einfach und wird sicherlich nicht mein ausgefeiltester Text, dafür ist alles noch zu frisch und der Abend zu spät, aber mir geht gerade so viel durch den Kopf, und wenn mich dieser Blog in den letzten Monaten eins gelehrt hat, dann, dass es mir leichter fällt, bestimmte Dinge aufzuschreiben als auszusprechen.

Im Mai vor nicht mal zwei Jahren ist meine Mutter nach langer Krankheit gestorben. Kurz vorher haben wir noch gemeinsam die Goldene Hochzeit meiner Eltern gefeiert, das war wohl ihr Ziel. Danach ging es ganz schnell. Zeitgleich mit ihrem Tod kam ein traumhaft schöner Frühling. Ich habe sehr viel Zeit im großen Garten meiner Eltern verbracht, viel Zeit mit der Familie, viel Zeit mit meinem Vater. Und mir ging es ganz gut. Ich war froh, dass Mama erlöst war, und ich war erleichtert, dass sich Papa so wacker hielt, ja, sogar wieder Pläne schmiedete. Wenn ich nicht in Waldenau war, habe ich mich mit Freunden getroffen, auf dem Balkon, vor der Kneipe, gequatscht, getrunken, geweint, gelacht, so viele schöne laue Sommerabende lang. Und was für tolle Freunde ich habe! Das habe ich deutlich gespürt. Sie riefen an, sie schrieben, sie fuhren mich von A nach B. Es war eine traurige, aber auch schöne Zeit.

Jetzt ist es wieder soweit, und es fühlt sich ganz anders an. Im September hat mein Vater seinen 75. Geburtstag in großer Runde mit Freunden und Familie gefeiert. Die Sonne schien, wir waren an der Elbe, und es war ein tolles Fest. Einen Monat später bekam er die Diagnose Speiseröhrenkrebs. Vier Monate später, ausgerechnet am Valentinstag, hat er sich auf die Reise zu seiner Frau begeben. Nach nicht mal zwei Jahren. Nach vier Monaten.

Ich würde mich jetzt gerne eine Weile hinlegen.

Schlaf, soviel weiß ich jetzt schon, ist nicht das Problem. Ich, schon immer Fan des Mittagsschläfchen, kann mich gerade zu jeder Tages- und Nachtzeit hinlegen und schlafe wie ein Stein. Auch die Familie ist wieder da. Meine wunderbaren Brüder und ihre tollen Frauen, meine heiß geliebten Neffen und meine Nichte. Meine Tante und mein Onkel, meine Patentante und ihr Mann. Es ist ein großes Glück, von soviel Liebe umgeben zu sein. Und Liebe bekomme ich auch von Freundinnen und Freunden. So viele Nachrichten. So viele liebevolle Worte. Und in fast jeder Nachricht: Melde dich, wenn du was brauchst. Das ist wahnsinnig fürsorglich gemeint, und ich weiß, das sehr zu schätzen, aber: Ich kann das grad nicht oder zumindest nur sehr schwer.

Ich fühle mich im Moment wie der Ochs vorm Berg. Ich habe seit vier Wochen mein Bad nicht mehr geputzt (und verstehe, wenn mich jetzt niemand mehr besuchen mag), ich trage seit Tagen den selben Pulli und die selbe Jeans. Ich weiß, ich habe morgen frei; ich weiß nicht, ob ich es schaffen werde schwimmen zu gehen, obwohl es mir sicher gut täte. Ich weiß, ich werde morgen Mittag wieder nach Waldenau fahren, im gleichzeitig viel zu leeren und viel zu vollen Haus meiner Eltern sitzen und mich mit meinen Brüdern durch Versicherungsdokumente arbeiten. Wir werden Entscheidungen treffen müssen, und ich werde unzählige Umschläge für Trauerkarten mit Adressen versehen, und ich werde abends mit einem meiner Lieblingsmenschen ein oder zwei Schnäpse trinken und sehr, sehr müde sein.

Denn natürlich brauche ich neben Schlaf Gesellschaft. Ich möchte euch alle sehen und in den Arm nehmen. Aber im Moment ist es so, dass ich meine Yogahose anziehe, um Yoga zu machen und mir etwas Gutes zu tun – und am Ende doch nur in der Yogabuchse auf der Couch liege und Netflix gucke oder schlafe.

Ich sitze vor meinem Handy und benachrichtige, wer noch nicht benachrichtigt ist, ich lese die vielen lieben Zeilen, die mir geschickt werden. Und jede Antwort kostet mich Kraft. Bitte erwartet nicht, dass ich mich schon melden werde, wenn ich etwas brauche. Was ich jetzt brauche – und es fällt mir wahnsinnig schwer, das zuzugeben, und das geht auch nur an diesem Ort –, sind konkrete Angebote. Schreibt mir, wann ihr mich wo gerne sehen würdet. Vielleicht werde ich keine Zeit haben, sehr vermutlich nicht, wenn morgen gleich die ersten zehn schreiben. Aber es muss ja auch nicht morgen sein, und sonst versucht es einfach wieder. Ich möchte hier keinen Wettbewerb ausschreiben, niemand muss mir etwas beweisen. Ich weiß, was ich an jedem Einzelnen habe. Und es macht gar nichts, wenn wir uns diese oder nächste Woche nicht sehen. Ich freue mich auch, wenn sich im Mai noch jemand fragt, wie es mir geht, und sich meldet. Aber das wäre das größte Geschenk, dass ich mich nicht kümmern muss.

Alles Liebe

Eure Julia

Swimming Around the World: Piscine Joséphine Baker, Paris

Gibt es einen passenderen Ort, die zwanziger Jahre schwimmtechnisch einzuläuten, als diesen? Ehrlicherweise war es Zufall. Ich habe einfach wie immer, bevor ich einen Städtetrip mache, recherchiert, was es für Schwimmbäder vor Ort gibt und stieß so schnell auf das Badeschiff, das unterhalb der Bibliothèque François-Mitterand in der Seine liegt und nach der berühmten Tänzerin benannt ist, die in den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts aus den USA nach Frankreich zog. (Ich konnte nicht herausfinden, ob Joséphine selbst begeisterte Schwimmerin war, aber sie ließ sich neben ihr Schloss in der Dordogne wohl einen Pool in Form eines J bauen.)

Das Badeschiff schwimmt seit 2006 in der Seine. Neben einem 10-mal-25-Meter-Becken bietet es ein Fitnessstudio, eine Sauna, ein Hammam (beides derzeit leider geschlossen) und im Sommer ein Sonnendeck mit Liegestühlen. In den warmen Monaten wird außerdem das Glasdach geöffnet, was besonders schön sein muss.

Foto Mark O‘Flaherty/Alamy; Foto oben Samantha Ohlsen/Alamy

Ich war im Dezember da und, obwohl keine Métro fuhr, wild entschlossen, hier schwimmen zu gehen. Und ich wurde für die drei Kilometer Fußmarsch aus dem Zentrum hinaus die Seine entlang tatsächlich belohnt: ein fast leeres Becken, in dem sich nur sieben weitere Schwimmer befanden, so dass wir uns bequem jeweils zu zweit eine der vier Bahnen teilen konnten. Wäre mein Französisch besser, hätte ich am Beckenrand sogar ein Schwätzchen mit dem freundlichen Herrn in meiner Bahn halten können. Es reichte immerhin, um den Bademeister zu fragen, ob die Pullbuoys zur allgemeinen Verfügung stehen (taten sie).

Glücklich schwamm ich 40 Bahnen, kaufte mir im Anschluss in der Bäckerei an der nächsten Ecke eine köstliche Tarte auf die Hand – und machte mich auf den Sechs-Kilometer-Weg zurück zum Hotel.

Ich habe selten so gut geschlafen wie in dieser Silvesternacht.

Fett schwimmt oben

Das bin ich mit einem Jahr im Spanienurlaub. Den kritischen Blick habe ich heute noch bestens drauf, aber ich glaube, ich habe danach nie wieder so entspannt mit meinem dicken Bauch am Strand gesessen. Ich weiß nicht mehr, wann es anfing, dass ich mich als zu dick empfunden habe. Aber ich weiß genau, dieses Gefühl hat mich Jahrzehnte begleitet. Jahrzehnte, in denen ich nur selten im Freibad war, mich am Strand nur ungern ausgezogen habe, in denen jedes rare Strandfoto beschnitten werden musste, weil ich mich für meinen Bauch, meinen Po, meine Oberschenkel geschämt habe. Heute gucke ich mir die wenigen Bikinifotos aus meiner Kindheit und Jugend an und denke: WTF??? Denn ich sehe ein hübsches Mädchen – ein Mädchen, von dem ich weiß, wie unsicher und oft auch unglücklich es war, und das es nicht genießen konnte, am See oder Meer zu sein, obwohl ich das Wasser schon immer geliebt habe.

Erst heute, mit über vierzig, mag ich meinen Körper so, wie er ist. Und das habe ich vor allem dem Schwimmen zu verdanken. Zum einen hat es mir, die ich mich nicht nur stets für zu dick, sondern auch für unsportlich hielt, Kraft, Selbstbewusstsein und ein besseres Körpergefühl geschenkt. Dazu hat schon das regelmäßige Bahnenziehen im Pool beigetragen, aber spätestens nachdem ich das erste Mal von einer Insel zur anderen geschwommen war, fand ich diesen Körper echt toll. Zum anderen war es die Erfahrung, dass mein schönster Urlaub einer war, den ich überwiegend im Badeanzug, also quasi halbnackt, umgeben von eben noch Fremden verbrachte. Hätte mir das jemand in meinen Zwanzigern prophezeit! Doch wenn man mehrere Stunden am Tag mit Menschen meist mittleren Alters in Badekleidung verbringt, die alle Bauch, Beine, Po haben, wenn man sich von jemandem den Rücken eincremen lässt, den man gerade erst kennengelernt hat, und wenn man dabei jede Menge Spaß hat, dann pfeift man zum Glück sehr schnell darauf, den Bauch einzuziehen und sich Gedanken über irgendwelche Dellen und Pölsterchen zu machen. Ich erinnere mich noch, wie ich mich auf meinem letzten Swimtrek mit Norma, Anfang sechzig, und Vivian, Ende vierzig, darüber unterhielt, wieviel wohler wir uns heute in unseren Körpern fühlen als mit Anfang zwanzig – trotz nachweislich mehr Falten und nachlassendem Bindegewebe.

Meine Geschichte ist keine besondere. Ich kenne unzählige Frauen, die schon als Mädchen mit ihrem Körper haderten. Viel zu viele, die es auch heute noch tun – Body-Positivity- und -Diversity-Trend hin oder her. Nur weil ein Begriff in Mode kommt, nur weil einige wenige Frauen sich endlich unabhängig von gängigen Schönheitsidealen in all ihrer Pracht im Netz zeigen, heißt das noch lange nicht, dass wir alle, die das toll finden und feiern, uns auf einmal frei fühlen. Jahrzehntelange Erfahrungen mit Diäten, Baucheinziehen, Kaschieren hinterlassen ihre Spuren, das schüttelt man nicht so eben ab.

Auch heute noch, wo ich meinen Körper ehrlich mag und den Großteil meines Urlaubs im Badeanzug verbringe, blicke ich auf dieses Foto von mir am Strand einer griechischen Insel, und was ich vor allem sehe, ist nicht mein strahlendes Gesicht, meinen top Busen oder meine schmalen Waden, sondern breite Hüften und Oberschenkel mit Zellulitis. Diesen kritischen Blick habe ich als Frau gelernt und verinnerlicht, den werde ich vielleicht nie los (aber ich höre mein sechzigjähriges Ich gerade laut lachen). Und genau deswegen zeige ich diese Fotos und erzähle die Geschichte dazu, die nur eine von vielen ist, weil beides vielleicht dazu beitragen kann, dass sich unser gelernter Blick verändert – peu à peu, one picture of perfect cellulite at a time.

Und immerhin: Mein Blick auf das Foto ist zwar noch kritisch, aber gefühlt habe ich mich tatsächlich fantastisch in diesem Moment. (Unbewusst habe ich vermutlich dennoch den Bauch eingezogen. Keine Pointe.)