Night Walking

Anfang Oktober habe ich in einen kuscheligen Daunenmantel (aus recyceltem PET!) investiert, in der Hoffnung, gut gewärmt darin die Winterabende des Pandemiejahres vor den Bars und Restaurants der Stadt zu verbringen. Daraus wurde leider nichts, dennoch war es die beste Investition der Saison. Denn nun leistet er mir auf meinen abendlichen Spaziergängen gute Dienste.

Ich lebe allein. Als vor ein paar Wochen der „Lockdown light“ verkündet wurde, lag ich mit einem beklemmenden Gefühl zuhause auf der Couch und fragte mich, wieviele liebe Gesichter ich im November wohl sehen würde. Bereits in den Wochen zuvor waren mit steigenden Infektionszahlen Verabredungen immer seltener geworden. Und nun? Wieder Zoom-Trinken? Ich mochte nicht. Alles in mir sträubte sich dagegen.

Zu meinem Glück beorderte mich schon in der zweiten Novemberwoche eine Freundin auf die Straße. Ausgerüstet mit je zwei Piccolos Crémant drehten wir unsere Runden durchs Viertel, stießen auf den Wahlsieg Bidens an und waren wild entschlossen, uns von dem bösen C nicht die Laune verderben zu lassen, zumindest nicht dauerhaft. Bisher gelingt es ganz gut – auch dank abendlicher Spaziergänge wie diesem.

Wenig überraschend: Denn während wir bei Zoom und Co. auf den Bildschirm gucken und nie in die Augen unseres Gegenüber, schafft ein Spaziergang nicht nur echte Nähe, das Gehen bringt auch unsere Gedanken in Fluss. Das macht es so viel leichter, nach der ersten halben Stunde obligatorischen Corona-Talks andere Themen zu finden.

Letzte Woche sammelte mich ein Freund ein. Wir liefen zu unserer beider Stammbar, die derzeit eine Auswahl bester Drinks für unterwegs verkauft, liebevoll abgefüllt in kleine Glasflaschen. Wir bestellten Whiskey Sour – einen gab‘s im Becher auf die Hand, einen für später in die Jackentasche.

Über den leeren Kiez liefen wir Richtung Hafen und setzten uns in der Nähe des Tropeninstituts auf eine Bank. Der kleine Weg dort heißt „Bei der Erholung“. Wie wunderbar ist das bitte? Und wie passend! Denn erholsam war es. Wir sprachen übers Schachspielen, über Serien und Bücher. Dabei tranken wir unsere Drinks und blickten auf die beste Kulisse der Stadt: der Hafen bei Nacht mit seinen Lichtern und den Geräuschen containerstapelnder Krähne. So viel besser als ein Zoom-Date.

Foto: MP

Seit heute darf in einigen Hamburger Stadtteilen kein Glühwein to go mehr verkauft werden. Vermutlich folgt bald ein stadtweites Glühweinverbot. Überraschend ist das nicht. Aber schade. Ich bin zwar kein großer Glühweinfan, es gibt wahrlich Leckereres. Aber mir tut es für die Gastronomen leid, die sich in diesen herausfordernden Zeiten immer wieder etwas Neues einfallen lassen. Und dann ist nicht mal das Wenige möglich, weil Mensch nicht in der Lage ist, sich mit Getränk in der Hand ein bisschen zu bewegen, und in Trauben vor den Läden stehen bleiben.

Ich werde meine abendlichen Spaziergänge auf jeden Fall beibehalten. Hoffentlich mit einem zweiten Haushalt an meiner Seite. Und zur Not mit Flachmann in der Manteltasche.

Corona Filmclub

Für die meisten von uns fließen die Tage und vor allem Abende gerade etwas abwechslungsarm in einander. Ist heute Dienstag? Mittwoch? Donnerstag? Spielt keine große Rolle ohne Verabredung, Kinobesuch oder Yoga-Kurs. Und die Zeiten, in denen man die Lieblingsserie nur an einem bestimmten Wochentag im TV gucken konnte, sind ja auch längst vorbei.*

Einen festen Termin aber habe ich im Kalender stehen: dienstags, 20:30, Corona Filmclub. Seit Beginn der Pandemie „treffe“ ich mich am Dienstagabend mit fünf Freund*innen zum gemeinsamen Filmgucken: um halb neun jede*r auf ihrer/seiner Couch, gleichzeitig drücken wir auf Play, und dann wird der Film im WhatsApp-Chat begleitet. Es ist ein Highlight meiner Woche!

Bewährt haben sich Klassiker der Achtziger und Neunziger mit hohem Unterhaltungsfaktor, die man lange nicht gesehen hat und während derer das Gequatsche – oder vielmehr Getippe – nicht stört. Jeden Dienstag reisen wir so gemeinsam in unsere Jugend, stoßen auf längst vergessene Anekdoten, teilen Erinnerungen, ab und zu auch Fotos längst verdrängter Frisuren. Ein Abend, an dem in der Regel viel Unsinn ausgetauscht und kaum ein Wort über Corona verloren wird. Es tut so gut. Ich kann es nur empfehlen!

Da wir uns zuletzt nicht mehr so einfach auf einen Film einigen konnten, sehen die aktuellen Clubregularien wie folgt aus: M. schickt eine Liste mit seinen Top 5 per Post (schön gestaltete Karte ist Ehrensache) an J. Die wählt den Film der Woche und schickt ihre Top 5 an V. (zuvor von M. bestimmt) und bittet ihn, seine Liste wiederum an A. zu schicken usw.

Bisher haben wir gesehen:

Reality Bites (1994)

Singles (1992)

Breakfast Club (1985)

Footloose (1984)

Ferris macht blau (1986)

St. Elmo’s Fire (1985)

~ Sommerpause ~

E.T. (1982)

Zurück in die Zukunft (1985)

Ghost (1990)

Die Hochzeit meines besten Freundes (1997)

True Romance (1993)

Habt ihr auch irgendwelche neu gewonnenen Traditionen? Dann her damit! Ich glaube, wir können alle noch ein paar Inspirationen für lange Winterabende gebrauchen.

* Im Grundstudium wussten quasi alle meine Freundinnen, dass sie keinesfalls Samstagnachmittag anrufen durften, da ich dann Beverly Hills 90210 guckte. Und das ging nur dann!

Dinner for Two: Linguine mit Grünkohl, karamellisierten Zwiebeln und Ziegenkäse

Wer die Kombi Pasta mit grünen Bohnen seltsam fand, zuckt jetzt vermutlich erst recht zusammen, aber ich empfehle unbedingt, dem Ungewohnten eine Chance zu geben. Das gilt vor allem auch für jene Menschen, die Grünkohl klassisch zubereitet nicht mögen. Ach ja, und wer nicht die ganze Woche Grünkohl essen möchte, sollte auf den Markt oder zu einem kleinen Gemüsehändler gehen – im Supermarkt gibt es oft nur 1-Kilo-Beutel.

Für zwei Portionen:

Olivenöl

1 rote Zwiebel (in Streifen geschnitten)

200 Gramm Bandnudeln

Circa 150 Gramm Grünkohl (klein geschnitten, aber nicht zu klein; der Grünkohl zerfällt und schrumpft in der Pfanne)

150 Ziegenfrischkäse (zerteilt)

Salz & Pfeffer

Ein Esslöffel Olivenöl in einer Pfanne bei mittlerer Hitze erwärmen und Zwiebeln darin circa 10 Minuten braten, bis die Streifen braun werden. Ein Teelöffel Salz hinzufügen und bei niedriger Hitze weitere 15 Minuten karamellisieren.

Währenddessen Wasser aufsetzen und Nudeln nach Packungsangabe kochen.

Wenn die Nudeln kochen, Grünkohl zu den Zwiebeln hinzufügen, Deckel drauf und circa 8 Minuten garen, immer mal umrühren.

Nudeln abgießen und mit zwei Drittel des Ziegenkäse zum Grünkohl und den Zwiebeln geben. Vermengen, eventuell noch etwas Olivenöl dazu, vor allem aber frisch gemahlenen Pfeffer.

Auffüllen und mit dem restlichen Ziegenkäse bestreut servieren.*

* Und sich kurz wie in New York fühlen, dort ist das Superfood Kale ja schon seit Jahren der heiße Scheiß.

Drei Tage Thessaloniki

Ganz ohne mein geliebtes Hellas konnte ich dieses Jahr doch nicht und bin Ende September für acht Tage hingeflogen. Griechenland hat die Pandemie bisher zum Glück sehr gut gemeistert und hatte stets relativ geringe Fallzahlen, so dass ich mir diesbezüglich wenig Sorgen machte. Für den Flug besorgte ich mir FFP3-Masken, und vor Ort ließ sich gut Abstand halten – vor allem aber noch ein bisschen Sommer genießen.

Aufgrund der relativ kurzen Zeit kam ein Inselurlaub so, wie ich ihn liebe – und das heißt kleine, abgelegene Inseln –, diesmal nicht in Frage. Stattdessen habe ich einen Städtetrip mit ein bisschen Strandurlaub verbunden.

Thessaloniki ist eine Hafenstadt im Norden Griechenlands. 1917 wurde ein großer Teil ihres Zentrums durch einen Brand zerstört. Wie Athen ist sie keine Schönheit auf den ersten Blick, aber ich mochte es sehr: die lange Uferpromenade, die Gebäude mit den großen Balkonen und einem Touch Bauhaus, dazwischen Ruinen aus römischer oder byzantinischer Zeit, die vielen coolen Restaurants und Bars.

Ich war für drei Nächte da, zwei hätten sicher auch gelangt, denn viele Sehenswürdigkeiten gibt es nicht. Meine Tage verbrachte ich mit Bummeln, Leute gucken, im Café sitzen, über den Markt schlendern, essen. Das alles kann ich im Urlaub ganz wunderbar alleine. Ich liebe es, auf eigene Faust eine Stadt zu entdecken, Menschen zu beobachten, Gespräche zu belauschen, Vokabeln aufzuschnappen, meinen Gedanken nachzuhängen.

Nur beim Essen hätte ich mir echt Verstärkung gewünscht – denn das geht in Thessaloniki ganz fantastisch. Und das Beste an der griechischen Küche sind ja die Vorspeisen, und das Schönste wiederum, von diesen möglichst viele zu probieren und zu teilen. Ich habe einfach jedes Mal wieder zu viel bestellt, was ein Jammer ist. Und dann gibt es IMMER noch Nachtisch aufs Haus. Irgendwann musste ich kapitulieren und diesen höflich ablehnen. Stattdessen bekam ich Schnaps. Schlimm diese Gastfreundschaft.

Übernachtet habe ich im Trilogy House mitten im Zentrum, das aus zehn tollen, individuell designten Zimmern und zwei Apartments besteht. Es liegt zwei Minuten von der Uferpromenade entfernt, und gleich um die Ecke gibt es jede Menge Restaurants und Bars.

Südlich von Thessaloniki befindet sich die Chalkidiki, drei fingerartige Landzungen, wo sich wunderbar noch ein paar Tage Strandurlaub an den Städtetrip dranhängen lassen. Die Eindrücke teile ich demnächst.

Wie geht es dir in Zeiten von Corona? – Christian, Kapstadt

Mit Christian habe ich vor langer Zeit mal ein Buch gemacht, für das er als Co-Autor ganz wunderbar das verrückte Leben von Lutz Pfannenstiel eingefangen hat. Ich freue mich sehr, dass wir über all die Jahre locker in Kontakt geblieben sind.

Magst du dich kurz vorstellen?

Gerne. Ich heiße Christian Putsch, bin 41 Jahre alt und seit gut einem Jahrzehnt Korrespondent für die WELT-Gruppe in Südafrika – gehe also langsam aber sicher als Veteran durch. Anfangs war ich in Johannesburg, inzwischen lebe ich in Kapstadt. Das ist vielleicht der Ort mit den größten Kontrasten überhaupt. Fast angeberische Schönheit, hohe Porsche-Dichte und Touristenziel auf der einen Seite – direkt daneben dann existenzielle Armut, verbunden mit den entsprechenden Problemen. An diese Gegensätze werde ich mich nie gewöhnen. Sie sind aus journalistischer Sicht aber extrem spannend. Ansonsten laufe ich gerne die Berge hoch, fahre Moped oder lasse mir von meinem zweijährigen Sohn die Welt erklären. Und schwimmen tue ich wie Julia auch manchmal. Wobei das Atlantikwasser skandalös kalt ist.

Wie ist derzeit die Lage in Kapstadt?

Wir hatten einige Monate lang den strengsten Lockdown der Welt. Das Haus durften wir nur für die nötigsten Einkäufe verlassen. Natürlich nur mit Maske. Als Journalist durfte ich mich immerhin für die Arbeit frei bewegen. Nachdem ich eine Million Papiere ausgefüllt hatte.

Ach ja, man konnte keinen Alkohol kaufen, auch keine Zigaretten. Das hat eine Nachbarin hier fast in den Wahnsinn getrieben. Die hat mich ein paar Mal angeschnorrt. Beim ersten Mal habe ich noch eine Flasche Wein über den Zaun gereicht. Als sie dann aber die im Gegenzug versprochene Schokolade nicht rausrückte, habe ich beim nächsten Mal behauptet, uns seien die Vorräte ausgegangen. Manchmal darf man lügen, finde ich.

Zwischenzeitlich war Südafrika das Land mit den fünftmeisten registrierten Infektionen weltweit, jetzt sind wir an Position neun. Die Infektionszahlen sind zuletzt deutlich gesunken, auch die der Toten war zum Glück deutlich geringer als in vielen anderen Ländern. Da hilft sicher das junge Durchschnittsalter der Bevölkerung. Die Risikofaktoren HIV und Tuberkulose haben sich bislang als nicht so bedeutend erwiesen wie befürchtet – zumindest bei den Patienten, die ihre Medikamente nehmen.

Inzwischen sind die meisten Auflagen gelockert worden. Masken aber tragen wir weiter, sobald wir das Haus verlassen. Wer sich weigert, macht sich strafbar. Die Wirtschaft geht natürlich am Krückstock, die rigorosen Restriktionen richten in einem Land wie Südafrika weit existenzielleren Schaden als in Industrienationen an. Die Regierung hat schulbuchmäßig und bisweilen stur die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation bis ins Detail umgesetzt. In Teilen war das sinnvoll, aber dabei ist auch deutlich geworden, dass nicht jede Maßnahme in Ländern mit schwachen Sozialsystemen funktioniert. 

Was hat sich für dich persönlich durch Corona verändert?

Ich krame den Koffer seltener aus dem Schrank hervor. Die Grenzen in Südafrika sind noch zu, außer drei Inlandsreisen war ich während des vergangenen Halbjahres durchgehend zuhause. Das ist schon eine Umstellung, sonst bin ich bis zu 100 Tage im Jahr unterwegs.

Und der Lockdown war heftig, privat drohte da ein wenig der Lagerkoller. Da wirkte es wie ein Feiertag, als wir im Juni immerhin wieder zwischen sechs und neun Uhr morgens spazieren gehen durften. Ich hätte nicht gedacht, dass aus mir noch einmal ein Frühaufsteher wird – ist aber passiert. Eins von vielen Dingen, die ich in diesem Jahr nicht erwartet hätte.

Es ist auch ein blödes Gefühl, 9000 Kilometer von der Familie entfernt zu leben und im Notfall nicht rüberfliegen zu können. Das Problem besteht weiterhin, immerhin sollen in den kommenden Wochen die Grenzen zu einigen Ländern wieder aufgehen. Dann gibt es hoffentlich auch wieder Flugverbindungen nach Europa. 

Aber wir haben das Beste draus gemacht, über Skype haben wir oft zusammen Sport gemacht. Meine Eltern in Wuppertal, die Familie meines Bruders in der Schweiz, dazu wir hier in Kapstadt. Das war ziemlich lustig und hat sich manchmal ein bisschen nach Familientreffen angefühlt. Aber halt nicht genug.

Mein Job ist gerade auf vielen Ebenen ganz anders als sonst. Weil Reisen in andere afrikanische Länder gerade nicht möglich sind, binde ich verstärkt lokale Journalisten vor Ort mit ein. Die liefern dann zu, das klappt wirklich gut. Aber um ehrlich zu sein, kann ich es kaum erwarten, wieder mehr zu reisen. Das Wort „Zoom“ löst bei mir Hautausschlag aus …

In Kamerun 2019 mit Modedesignerinnen in Douala. Foto (auch oben): Karin Schermbrucker

Was bereitet dir am meisten Sorgen?

Klar mache ich mir um das Land Sorgen, die enorme Neuverschuldung, die unzähligen Arbeitsplätze, die hier gerade verlorengehen, die Angst vor einer zweiten Welle. Am emotionalsten sind die Einschläge im eigenen Umfeld. Ein Bekannter aus meinem Squash-Verein ist an Covid-19 gestorben, dazu der Vater eines engen Freundes meiner Frau. Natürlich sorge ich mich, dass es irgendwann den engeren Kreis treffen könnte. Das steht über allem.

Aber wir müssen auch alle irgendwie die Rechnungen zahlen. Und die Reserven sind hier in Südafrika kleiner als in Deutschland. Es gibt in meinem Umfeld gerade so viele Existenzen, die gefährdet sind, und darüber denke ich ehrlich gesagt öfter nach als über die Gesundheit. Einige Freunde hatten hier kleine Unternehmen aufgebaut, sie mussten zurück nach Europa ziehen. Andere halten sich irgendwie über Wasser, aber auch sie haben zu knapsen. Mir geht es vergleichsweise gut, icg spare aber auch mehr als sonst.

Hast du etwas Positives aus den letzten Monaten mitgenommen?

Es gab eine überraschend große Solidarität in meinem Stadtteil, wo sich direkt neben Einfamilienhäusern zwei Townships befinden. Da entstanden viele Initiativen, unzählige ehrenamtlich verbrachte Tage, Spenden – all das war nicht selbstverständlich. Ich werde auch nie vergessen, wie euphorisch sich wildfremde Leute nach Monaten der weitgehenden Isolation bei den ersten Morgenspaziergängen auf den Straßen begrüßt haben. Man konnte das Lächeln förmlich spüren, trotz der allgegenwärtigen Gesichtsmasken. Das kann kein Zoom-Meeting, kein WhatsApp-Videocall oder sinnlos verbrachte Stunden auf den sozialen Netzwerken ersetzen. Wir sind halt doch viel mehr richtige Herdentiere, als wir denken. Es war schön, das zu realisieren. Ach ja, ich habe in diesem Jahr so viel Zeit in der Natur verbracht wie nie zuvor, ob im Meer, auf den Bergen oder in den Wäldern. Das hat mir gutgetan. Ich hoffe, das bleibt. Da bin ich optimistischer als beim frühen Aufstehen …

Aber am Ende sind das Randnotizen. Ich mag die philosophischen Reden von der Rückbesinnung auf das Wesentliche nicht, die man von vielen in den vergangenen Monaten gehört oder gelesen hat. Solche Aussagen stammen von Leuten, die im Wesentlichen abgesichert sind. Die Situation ist schon ein großer Mist. Ich hoffe, dass wir uns hoffentlich bald wieder sorgenfreier über andere Dinge unterhalten können.

Übers Schwimmen oder so.

Danke, Christian! Oh ja, das wünsche ich uns auch. Bleib gesund!

Vier Bücher, die ich diesen Sommer gern gelesen habe

Als Ende Mai die Nachricht vom grausamen Tod George Floyds uns erschütterte und am 2. Juni mein Instagram-Feed für einen Tag schwarz wurde, stellte ich mich vor mein Buchregal und fragte mich, wie es denn dort um schwarze Stimmen bestellt war. Die Antwort war beschämend und wenig überraschend: Zadie Smith, Teju Cole – nicht viele mehr. Diesen Sommer gesellten sich nun vier neue Autorinnen dazu. Ein Anfang. Und ich freue mich über weitere Empfehlungen in den Kommentaren!

Regina Porter, Die Reisenden

Zwei Familien, eine schwarz, eine weiß, von der Bürgerrechtsbewegung bis in die Obama-Jahre. Die Geschichte beginnt, als Agnes und ihr Freund auf der Heimfahrt von einem Date von einem weißen Polizisten angehalten werden. Sie überleben, aber ihr Leben ist danach ein anderes. Ein vielschichtiges, spannendes Familienepos. Im Februar bei S. Fischer erschienen.

Britt Bennett, The Vanishing Half

Die Zwillingsschwestern Stella und Desiree wachsen gemeinsam in einem kleinen Ort in Louisiana auf, in dem die Bewohner stolz auf die helle Haut ihrer Kinder sind. Mit sechzehn hauen die beiden gemeinsam nach New Orleans ab, kurz darauf trennen sich ihre Wege. Stella nimmt einen Job an, für den sie sich als weiß ausgibt, lernt einen Mann kennen und verschwindet von einem Tag auf den anderen. Desiree dagegen kehrt Jahre später mit einer dunkelhäutigen Tochter in ihren Heimatort zurück. Erst nach Jahrzehnten kreuzen sich ihre Wege über die nächste Generation.

Eine absolut mitreißende Geschichte zweier Emanzipationen: von Herkunft, Hautfarbe und Geschlecht. Gerade bei Rowohlt erschienen.

Kiley Reid, Such A Fun Age

Emira weiß nach dem Studium nicht so recht weiter und jobbt als Babysitterin für eine weiße Familie. Als sie eines Abends spät mit der kleinen Tochter im Supermarkt unterwegs ist, wird sie vom Security Guard festgehalten. Alix, die Mutter, die ihr Geld als Influencerin verdient, ist schockiert und beschließt, sich mit Emira zu befreunden und ihr „zu helfen“. Die Geschichte läuft auf einen großen Crash zu, und das ist bisweilen gruselig, vor allem aber sehr unterhaltsam zu lesen.

Auf der Longlist für den Booker Prize 2020.

Bernadine Evaristo, Girl, Woman, Other

Erzählt die Geschichte von zwölft sehr unterschiedlichen Frauen in Großbritannien. Zwölf Frauenleben, über ein Jahrhundert hinweg, die mal parallel laufen, sich mal kreuzen, mal nur leicht berühren. Von der ersten schwarzen Frau in einem englischen Dorf bis zur emanzipierten, unkonventionellen lesbischen Dramaturgin, die an einem großen Londoner Theater spät einen Erfolg feiert. Ich hab’s verschlungen! Und musste die ganze Zeit an meine Mutter denken, der ich das wahnsinnig gern zu lesen gegeben hätte. Und bitte nicht davon abschrecken lassen, dass der Text ohne Punkte auskommt! Mich hat das absolut nicht gestört. Dafür gibt es Absätze.

2019 mit dem Booker Prize ausgezeichnet.

Wie geht es dir in Zeiten von Corona? – Miriam, New York City

Weiter geht’s auf meiner virtuellen Weltreise zu Miriam nach New York, in deren Wohnung ich schon zweimal wohnen durfte. Sind wir gemeinsam unterwegs, werden wir gerne für Schwestern gehalten. Ha!

Magst du dich kurz vorstellen?

Hi, ich bin Miriam. Ich bin Journalistin und arbeite hauptsächlich als Produzentin und Autorin für die ARD in New York. Ich bin 39 Jahre alt und lebe seit inzwischen mehr als elf Jahren in der Stadt. Die Zahl erstaunt mich selbst immer wieder, denn das war nie so gedacht: Ich kam damals, um eigentlich nur ein oder zwei Jahre zu bleiben, aber irgendwie lässt einen die Stadt dann nicht mehr los. Immer, wenn man wieder kurz vorm Absprung steht, passiert irgendwas – privat, beruflich oder gesellschaftlich –, was man unbedingt noch miterleben möchte. Ich sage immer: Das Leben in New York City ist wie eine dysfunktionale Beziehung, es ist hart mit ihr, aber man kann irgendwann auch nicht ohne sie leben.

Wie ist derzeit die Lage in NYC? 

Ich muss gestehen, dass diese Frage für mich kaum in Kürze und nur den Status Quo beschreibend zu beantworten ist. Öffnet sie doch so viele Türen der Emotionen und Erfahrungen der vergangenen Monate, die Einfluss auf das Heute haben. New York City war lange das Epizentrum der Krise in den USA. Insgesamt hat es seit März rund 430.000 Infektionen im Staat New York und mehr als 25.000 Tote gegeben – davon 23.000 allein in New York City. Zum Vergleich: In ganz Deutschland sind rund 9000 Menschen gestorben.

Ich könnte jetzt beginnen, von Notlazaretten im Central Park und Leichen in Kühl-LKWs hinter den Krankenhäusern zu erzählen, von überlaufenden Intensivstationen und Selbstmord begehenden Ärzten oder einfach nur von dem Klang der Dauer-Sirenen, wenn man am Frühlingsabend das Fenster öffnete – aber ihr habt die Bilder in den Nachrichten gesehen.

In Relation zu alledem hat sich die Situation natürlich deutlich entspannt. Zuletzt starben pro Tag weniger als 10 Menschen im Vergleich zu den Hunderten täglich im März und April. Firmen dürfen ihre Belegschaft zur Hälfte wieder in ihre Büroräume lassen, Restaurants empfangen Gäste im Freien und dürfen dafür den Bürgersteig vor ihren Lokalen nutzen. Läden dürfen begrenzt Kundschaft empfangen und auch einige Dienstleister wieder ihrer Arbeit nachgehen. Trotzdem sind die meisten Menschen immer noch im Home Office, viele große Firmen haben angekündigt, dass das bis mindestens Ende des Jahres so bleiben wird – einige wollen dauerhaft auf ein hybrides Arbeitsmodell umstellen. Broadway, Theater und Musikshows dürfen weiterhin nicht stattfinden, gleiches gilt für Partys und Bars, die keine Möglichkeit haben, draußen zu servieren. Masken sind Pflicht in allen geschlossenen Räumen und überall, wo man im Freien den 2-Meter-Abstand nicht einhalten kann.

Was hat sich für dich persönlich durch Corona verändert?

Als Journalistin hat mich das Thema monatelang nonstop und detailliert beschäftigt – als weiße privilegierte Privatperson sind die Krise und der Tod nicht besonders nah an mich heran gekommen. Mulmig war mir, als eine ältere Lady aus dem Nachbarhaus von einem Krankenwagen abgeholt wurde oder die Vermieterin einer Freundin an Covid19 gestorben ist.

Dann hat die Krise in den USA gesellschaftlich viel wach oder, besser gesagt, wieder in den Vordergrund gerüttelt – Stichwort “Black Lives Matter”. Soziale Fragen und wie sie mein Leben beeinflussen könnten und sollten, beschäftigen mich seit dem vermehrt. Ich bin dankbarer geworden, für meine Freunde, mein soziales Netz in der Stadt. Und demütiger bezüglich meiner Privilegien und vieler doppelter Böden in meinem Leben: Einer davon ist der deutsche Pass, mit dem ich jederzeit einfach hätte abreisen können. In ein Land, das im Vergleich zu der Realität hier gepflastert ist mit guten und bezahlbaren Krankenhäusern.

Fotos: Esther Levine

Was bereitet dir am meisten Sorgen?

Das Virus ist wie ein Tsunami über die Stadt herein gerollt, und erst jetzt, in der Zeit der Ebbe, wird viel von der angerichteten Zerstörung sichtbar. Viele Menschen sind seit Monaten arbeitslos – oder waren vorrübergehend entlassen. Zwar hat der Staat angeordnet, dass nichtzahlende Mieter bis einschließlich Oktober nicht aus ihren Wohnungen geworfen werden können, aber das mindert die kumulierte Summe der Mietschulden nicht.

Die Landflucht hat schon begonnen: Einige Menschen können sich die Stadt momentan schlicht nicht mehr leisten, andere sind im Home Office auf den Geschmack gekommen. Grün und Natur und dabei noch Geld sparen – eigentlich keine schlechte Idee. Erst Recht, wenn der Großteil der kulturellen Angebote, die New York ausmachen, im besten Fall vorübergehend und im schlimmsten Fall für immer geschlossen hat. 500.000 haben die Stadt schon verlassen, das ist die letzte Zahl, die ich gelesen habe. Den Umzugswägen in meiner Nachbarschaft am vergangenen Wochenende zufolge dürften es schon wieder einige mehr geworden sein.

Und dann gibt es die, die richtig hart getroffen sind. Die, die vor der Krise schon am Limit und nur mit drei Jobs überleben mussten. Die schlecht oder gar nicht krankenversichert sind und deswegen auch unbehandelte Vorerkrankungen mit sich rumtragen. Sie können nicht mal eben die Umzugshelfer her pfeifen und abdüsen, denn auch das kostet Geld. Die Kriminalität steigt wieder in New York, auch wenn ich betonen möchte, dass wir bei Weitem noch nicht wieder in den Achtzigern angekommen sind, auch wenn das manchmal so dargestellt wird. Aber grade gestern wurden mir zwei Päckchen aus unserem Hausflur geklaut – und ich kann’s irgendwie verstehen.
Ich hoffe, dass New York City wie Phoenix aus der Asche wieder emporsteigen wird – dass die Stadt das kann, hat sie in den vergangenen Dekaden immer und immer wieder bewiesen.

Bist du dieses Jahr gereist? 

Das Land verlassen ging leider auch hier nicht. Deswegen war ich im Staat New York unterwegs. Am Strand auf Long Island in Montauk und auch “Upstate“ in den Catskills, nahe Woodstock. In New York ist man verwöhnt, denn nur wenige Autostunden von der City entfernt ist man bereits in wunderschöner Natur. Berge oder Beach, für jeden was dabei. Oder für Unersättliche wie mich: beides.

Hast du etwas Positives aus den letzten Monaten mitgenommen?

Für mich persönlich waren gerade die Sommermonate wunderbar, denn ich habe jemanden kennengelernt. Ich war lange Jahre der typische, zynische New Yorker Single und hatte Dating fast schon aufgegeben. Mitten im Hausarrest habe ich mich mehr oder weniger aus Langeweile mal wieder bei einer der Apps angemeldet. Dank Corona muss man sich dieser Tage allerdings erst mal am Telefon verstehen und auch noch richtig reden (och neee). Dann ist man gezwungen sich draußen, mit Abstand zu treffen – und schwuppsdiwupps, ohne dass man es merkt, verbringt man echte “Qualitätszeit” miteinander: aka Fahrradtouren, Picknicks und Spaziergänge, anstatt sich in einer dunklen Bar bei drei Bier und lauter Musik anzuschreien. Offenbar brauchte es erst eine Pandemie, die das Prozedere des Kennenlernens in New York entschleunigt.

Was mir sonst viel Hoffnung gibt: Auch diese Krise hat die New Yorker einmal mehr zusammen geschweißt. Es haben sich unzählige Aktionen von Nächstenhilfe und Zusammenhalt gebildet: Menschen haben Masken genäht, Essen organisiert und ausgefahren, Spenden gesammelt und in Nachbarschafts-Apps gegenseitige Hilfe koordiniert. Dieses Phänomen der coolen, unnahbaren New Yorker, die, wenn es drauf ankommt, alles stehen und liegen lassen, um ihrer Community zu helfen, das durfte ich schon nach dem Supersturm Sandy erleben.
Der Mensch ist anpassungsfähig und der New Yorker sowieso. Es wird kein Zurück geben in unsere alte Normalität und Realität – aber wir werden gemeinsam eine neue spannende Stadt und eine spannende Welt schaffen, denn jede Veränderung bringt Wachstum und Fortschritt. Für jeden Einzelnen und für uns alle.

Danke, liebe Miriam! Bleib gesund und möge der Herbst für dich genauso wunderbar weitergehen!

Mittagspausen-Bowl mit Quinoa, Gemüse und Pesto

Achtung, Streberpost! Denn: Ich habe vorgekocht. Und ich freue mich jetzt riesig, mir die nächsten Tage nichts von Dean & David oder Stadtsalat holen zu müssen. Salat oder Bowl waren seit meiner Rückkehr ins Büro vor ein paar Wochen meist mein bevorzugtes Mittagessen – in dem ambitionierten Versuch, durch etwas gesündere Ernährung meine Coronakilos loszuwerden. Hat nicht funktioniert, ging dafür aber ganz schön ins Geld.*

So ’ne Bowl ist wahrlich kein Zauberwerk, lässt sich gut für mehrere Tage vorbereiten – und immer wieder variieren.

Zutaten für drei Portionen:

3 mittelgroße Rote Beete

3 große Möhren

200 Gramm Brechbohnen

200 Gramm Champignons

180 Gramm Quinoa

30 Gramm Pinienkerne

1 Bund Basilikum

4 kleine Knoblauchzehen

Olivenöl

Rote Beete und Möhren schälen und in Stücke schneiden. (Hier gehen außerdem Süßkartoffeln, Kartoffeln, Blumenkohl …) In einer Schüssel mit etwas Olivenöl, Salz und Pfeffer vermengen und auf einem Backblech im vorgeheizten Ofen bei 220 Grad circa 30 Minuten garen.

Quinoa mit der doppelten Menge Wasser 20 bis 25 Minuten kochen. (Nächstes Mal nehme ich vielleicht Bulgur oder Naturreis.)

Von den Bohnen die Enden entfernen, halbieren und circa 12 Minuten in Salzwasser kochen.

Champignons (oder Pfifferlinge!) putzen, vierteln und in etwas Olivenöl anbraten. (Man kann natürlich auch nur Ofengemüse nehmen. Dann hat man am Ende einen Topf und eine Pfanne weniger zu spülen.)

Für das Pesto Pinienkerne kurz anrösten, abkühlen lassen und mit den Basilikumblättern und Knoblauch im Mixer zerkleinern. (Alternativ Petersilie und gehackte Mandelkerne nehmen.) Mit vier Esslöffeln Olivenöl, Salz und Pfeffer vermengen.

Das Ganze könnte man jetzt noch mit Feta, Ziegenkäse, Avocado, Tomaten pimpen. So aber auch schon ziemlich lecker. Eine Portion gab’s direkt heute Abend, den Rest habe ich separat eingetuppert** und nehme ich morgen mit ins Büro. Yay!

* Ersteres ist übrigens vollkommen in Ordnung, man sollte sich in diesen Zeiten wirklich nicht noch zusätzlich stressen. Andererseits würde ich schon gerne irgendwann in den rosa Jumpsuit passen, den ich mir im März bestellt habe.

** Ja, ich habe farblich passende Tupperware. Habe ich geerbt, mag ich.

Wie geht es dir in Zeiten von Corona? – Jessica, Glasgow

In den letzten Wochen ist viel über Corona gesagt und geschrieben worden, über Infektionszahlen, wirtschaftliche Einbrüche, die Suche nach einem Impfstoff, Maskenverweigerer und Reiserückkehrer. Was mir in all dem Nachrichtengetöse oft fehlte, war der Blick über den eigenen Tellerrand hinaus und auf die Einzelnen. Wie die wunderbare Margarete Stokowski letztens schrieb: „Aber die Pandemie an sich macht auch viele von denen müde, die sich nicht mit dem Coronavirus infizieren. Und irgendwie scheint es ein kleines Missverhältnis zu geben zwischen den Emotionen oder Zuständen, die öffentlich verhandelt werden und denen, die weniger besprochen werden.“ Ich möchte mich in den nächsten Wochen daher etwas umhören und Menschen in Schottland, den USA, Frankreich, Israel fragen, wie es ihnen geht. Den Anfang macht die liebe Jessica, mit der ich vor ein paar Jahren zwei tolle Bücher bei Rowohlt gemacht habe.

Magst du dich kurz vorstellen?

Mein Name ist Jessica Wagener, ich bin dieses Jahr 43 geworden. Ich bin gebürtige Hamburgerin, habe meine Heimatstadt aber verlassen und lebe inzwischen in Glasgow. Hamburg und Glasgow sind sich nicht nur vom Wetter her ähnlich – Glasgow ist wie Hamburg eine Hafen- und Handelsstadt. Allerdings sind die Leute hier aufgeschlossener. Derzeit studiere ich Geschichte an der University of Glasgow, die aussieht wie Hogwarts, und schreibe als freie Journalistin für deutsche Medien. Außerdem feile ich heimlich an einer Schottland-Roman-Idee.

Wie ist derzeit die Lage in Glasgow?

Die Lage hier ist vergleichsweise okay. Schottland ist ja zumindest in Teilen eigenständig und hat auch eine eigene Regierungschefin: Nicola Sturgeon. Sie hat, wie hier viele finden, die Corona-Krise um Klassen besser gemeistert als der britische Premierminister Boris Johnson. Was aber auch nicht schwer war … Vor allem die Kommunikation der schottischen Regierung war klar und deutlich. Masken sind hier teilweise vorgeschrieben, in öffentlichen Verkehrsmitteln sowie Geschäften müssen sie auf jeden Fall getragen werden. Auch Social Distancing läuft weiterhin und Treffen von mehr als 15 Personen sind nicht erlaubt, auch nicht draußen.

Was hat sich für dich persönlich durch Corona verändert?

Für mich persönlich hat sich gar nicht allzu viel geändert, da ich eh von zu Hause aus arbeite. Das einzige, was ich in der harten Lockdown-Phase sehr vermisst habe, waren meine Freunde. Und ganz allein im Lockdown ist auf Dauer selbst für jemanden wie mich mit großem Selbstbeschäftigungs-Talent schwierig. Aktuell bin ich ziemlich traurig, dass ich wegen Corona im kommenden Semester gar nicht auf den schönen, alten Campus darf. Das wird mir extrem fehlen.

Was bereitet dir am meisten Sorgen?

Sorgen macht mir, dass der gute, alte gesunde Menschenverstand sich zu verabschieden scheint und viele Leute offenbar mit der Komplexität der Situation derart überfordert sind, dass sie lieber kruder Verschwörungsmythologie Glauben schenken, als sich damit auseinanderzusetzen, und komplett irrational reagieren. Wo schränkt es bitte die Freiheit ein, für ein paar Minuten am Tag eine Stoffmaske vor Mund und Nase zu tragen? Vollkommener Wahnsinn.

Bist du dieses Jahr gereist?

Gereist bin ich in diesem Jahr noch nicht, aber ich muss ganz dringend mal was anderes sehen als diese Wohnung und vor Semesterbeginn noch mal kurz durchatmen. Deshalb geht’s demnächst für ein paar Tage gar nicht so weit weg in ein kleines Bed & Breakfast in Perthshire. Fünf Tage Jahresurlaub – Freelancerlife!

Hast du etwas Positives aus den letzten Monaten mitgenommen?

Wenn es etwas Positives gibt, das ich aus der vergangenen Zeit mitgenommen habe: Schon kleine Gesten der Freundlichkeit können Großes bewirken und wir Menschen sind definitiv besser dran, wenn wir zusammen- statt gegeneinander arbeiten.

Danke, Jessica! Schönen Urlaub & bleib gesund!

Und, was machen die Männer?

Neulich saß ich mit meinem guten Freund L. im Garten meiner Lieblingsbar. Wir hatten uns ein paar Wochen nicht gesehen und viel zu erzählen, und es war ein sehr schöner Abend. Nach dem zweiten Drink stellte L. dann die Frage und ich musste ihn kurz anpampen. Das tut mir inzwischen leid, denn stattdessen hätte ich ihm vielleicht auch einfach erklären können, warum mich diese Frage so ärgert. Sie ist natürlich gut gemeint, aber zum einen bohrt sie den Finger in eine Wunde, die mal mehr, mal weniger weh tut. In etwa so, als würde ich eine Freundin, die sich seit Jahren mit Jobs rumschlägt, die sie hasst und für die sie überqualifiziert ist, fragen, was denn die Karriere macht. Zum anderen verweist sie auf eine vermeintliche Leerstelle, es schwingt immer ein bisschen die Sorge mit, ob die arme Julia wohl auch nochmal den Richtigen findet.

Das ist gegenüber L. sicherlich eine nicht ganz faire Unterstellung, trifft aber wohl auf 90 Prozent der Tanten, Freundinnen und Bekannten zu, die sich diesbezüglich in den letzten zwanzig Jahren immer mal wieder nach meinem Befinden erkundigten. Doch während ich bei Tanten nur leicht genervt die Augen rolle und versuche, geduldig zu erklären, warum mein Leben auch ohne Mann an meiner Seite gar nicht mal so traurig ist, vermag ich diese Nachsicht bei Freunden nicht mehr aufzubringen. Wer mich kennt, weiß nunmal, dass die Antwort mit einiger Wahrscheinlichkeit „Nicht viel“ lautet – nicht gerade der Einstieg in ein spannendes Gespräch –, und dass ich andernfalls schon längst ungefragt und freimütig berichtet hätte.

Weil es mir neulich dennoch im selben Moment leid tat, L. angepampt zu haben, versuchte ich, die Situation zu entspannen, indem ich von meinen letzten kläglichen Versuchen des Online-Datings erzählte. Ich hatte ein paar Tage mit P. geschrieben, der einen klugen und unterhaltsamen Eindruck machte, wir hatten uns schließlich locker für die kommende Woche verabredet – und dann habe ich nie wieder etwas von ihm gehört. Online-Dating in a Nutshell. Und was sagte L. zu dieser Anekdote? „Na, da hat es sich doch gelohnt, dass ich gefragt habe.“ Ach ja? Ich finde das Ganze ungefähr so erquicklich, wie wenn sich jemand auf Ebay-Kleinanzeigen nach dem inserierten Sessel erkundigt, ich ausmesse und ihm im Preis entgegenkomme – und dann nie wieder etwas höre.

Was auch der Grund ist, warum ich auf die Frage „Und was ist mit Online-Dating?“ ähnlich allergisch reagiere. Diese wird vor allem gern von Menschen gestellt, die schon so lange in einer Beziehung sind, dass es Tinder & Co. noch gar nicht gab, als sie zuletzt Single waren. Insofern vielleicht legitim, dass sie fragen, womöglich denken sie ernsthaft, das wäre ein netter Zeitvertreib und eine praktische Sache, um dem brach liegenden Liebesleben auf die Sprünge zu helfen. Ist. Es. Nicht. Ich reagiere daher meist ähnlich augenrollend wie bei wohlmeinenden Tanten und erläutere geduldig, warum das so gar keinen Spaß macht. Bestenfalls stoße ich dann schnell auf Verständnis, schlimmstenfalls findet der Paarmensch die Anekdoten wahnsinnig amüsant und möchte mehr hören. Um nochmal auf den Vergleich von oben zurückzugreifen: Wenn mir eine Freundin von einem vermurksten Vorstellungsgespräch erzählt, bei dem nach einer Minute klar war, dass sie für die Stelle heillos überqualifiziert ist und der Job sie überhaupt nicht befriedigen würde, dann kann ich vielleicht kurz über die groteske Situation mit ihr lachen, aber mir ist wohl bewusst, wie unangenehm das ist.

Online-Dating macht keinen Spaß. Punkt. Ich kann zwar nur für mich sprechen, kenne aber auch kaum jemanden, der das Gegenteil behauptet. Ich habe in den letzten zehn Jahren immer mal wieder das ein oder andere Portal ausprobiert und schätzungsweise etwas mehr als ein Dutzend dort generierte Dates gehabt. Nicht einen Mann wollte ich wieder treffen, in den meisten Fällen wusste ich schon bei der Begrüßung: Ein Kaffee und dann nix wie weg. Und es muss ja erstmal zu einem Date kommen! Vorher gilt es, sich durch ein – sorry, Männer – Gruselkabinett zu blättern und unter Hunderten einen zu finden, von dem man sich mit viel Fantasie vorstellen könnte, dass man ihn auch angelächelt hätte, wäre er einem im echten Leben begegnet. Dann muss er das ebenso empfinden, dann das Schreiben … Ich kürze hier ab und fasse zusammen: Es ist ein quälender, zeit- und energieraubender Prozess mit minimalen Gewinnchancen. Weshalb ich eigentlich immer wieder nach kurzer Zeit die App der Stunde lösche und denke: Dann gehe ich doch lieber mit offenen Augen durchs Leben!

Vor allem verbringe ich meine Zeit lieber damit, Dinge zu tun, die mein Leben bereichern, als dass ich in eine App starre, die mir am Ende des Tages den Eindruck vermittelt: Das war’s. Die Guten sind alle weg. Was natürlich Quatsch ist. Ich vermute vielmehr: Die wenigen Guten sind nicht in der App, und die Wahrscheinlichkeit, einem von ihnen auf dem Weg zur Arbeit, am Beckenrand oder in der Bar zu begegnen, ist auch nicht geringer. Zumal ich mich an neun von zehn Tagen mit dem Titel des wunderbaren Buches meiner Autorin Gunda Windmüller identifiziere: Weiblich, ledig, glücklich – sucht nicht. In diesem wahnsinnig klugen Buch legt Gunda dar, warum Singlefrauen kein Mitleid brauchen, sondern eine Gesellschaft, die ihnen abnimmt, dass sie auch alleine glücklich sein können. Denn das Leben allein kann verdammt gut sein. Mein Leben ist verdammt gut.

Ich habe nicht nur ein sicheres Einkommen, ich habe einen Job, der mich erfüllt und mir an den allermeisten Tagen großen Spaß bringt. Ich habe die weltbesten Kolleg*innen und super Freund*innen (auch wenn sie manchmal nervige Fragen stellen). Ich habe eine tolle Familie, die zwar in letzter Zeit mehr geschrumpft ist, als mir lieb ist, die mir aber auch wahnsinnig viel Kraft gibt. Ich erfreue mich überwiegend guter Gesundheit und habe eine wunderschöne Wohnung mit dem vielleicht besten Balkon von St. Pauli. Zu meinem Vierzigsten habe ich mir selbst zwei Monate New York geschenkt. Und wenn nicht gerade eine Pandemie herrscht, unternehme ich fantastische Reisen und schwimme im Meer von Insel zu Insel, was mich sehr glücklich macht.

Mein Leben ist nicht unvollständig ohne Partner. Im Gegenteil: Es ist so voll mit Gutem, dass ich es gerade deshalb oft gern teilen würde. Natürlich wurmt mich das Alleinsein von Zeit zu Zeit. Ohne Frage gibt es da diese Sehnsucht, die mal mehr, mal weniger piekst. Aber ich bin dankbar für alles, was ich habe. In vielerlei Hinsicht fühle ich mich vom Leben reich beschenkt. Ja, wahnsinnig großes Glück in der Liebe gehört bisher nicht dazu. Doch ich möchte darauf vertrauen, dass das Leben voller Überraschungen steckt. Vor zehn Jahren hätte ich nie gedacht, dass es einmal meine größte Leidenschaft sein würde, im offenen Meer zu schwimmen. Oder dass ich mit Mitte vierzig noch anfangen würde, Griechisch zu lernen. Vor zwei Jahren hätte ich nicht geglaubt, dass ich mal einen Blog schreiben würde. Alles ist möglich: heute, morgen, nächsten Monat, nächstes Jahr. Daran möchte ich glauben. Ich hoffe, ihr tut es auch.

Φιλάκια

Julia