Seine letzte Reise

Anfang Februar letztes Jahr besuchte ich meinen Vater im Krankenhaus und wurde von der Schwester mit den Worten begrüßt: „Sind Sie Island? Sie werden schon sehnsüchtig erwartet!“

So lange hatte mein Vater von dieser Reise geträumt, eine Schiffstour nach Island. Auch jetzt noch, nachdem der Traum für ihn geplatzt war und er sich längst auf einer ganz anderen Reise befand, konnte er offenbar nicht aufhören, davon zu erzählen. Mein Vater liebte es zu erzählen!

Von Island begann er schon kurz nach dem Tod meiner Mutter zu sprechen – nachdem aufgrund ihrer Krankheit größere Reisen für beide lange nicht möglich gewesen waren. Mich hatte es erst ein bisschen überrascht, dann aber vor allem gefreut, dass er wieder Pläne schmiedete. Bald stand fest: Zum 75. würde er sich selbst diese Reise schenken. Und ja, er würde den Geburtstag auch groß feiern. Ich: Papa, du musst nicht, wenn es dir zu viel wird. Er: Doch, wer weiß, ob ich den nächsten Runden noch erlebe. Ich schüttelte den Kopf – mein Vater war bis auf ein paar Altersperenzchen fit.

Also planten und feierten wir ein Fest im Lieblingsrestaurant meiner Eltern an der Elbe, mit der Familie und vielen Freunden, die aus Flensburg, Lübeck, Bremen, Düsseldorf angereist kamen. Es war ein wunderbarer Tag, den wir alle genossen, vor allem mein Vater. Und ich bin so froh darüber. Die meisten Gäste sah ich nur fünf Monate später auf seiner Beerdigung wieder. Niemand konnte es recht fassen.

Im Oktober, ein paar Wochen nach seinem Geburtstag, hatte mein Vater die Diagnose Speiseröhrenkrebs erhalten. Gleich Anfang des nächsten Jahres sollte die große Reise stattfinden. Dass der Krebs bereits fortgeschritten und nicht mehr heilbar war, wusste er, dennoch mochte er die Fahrt nicht absagen. Vielleicht würde ihm die Chemo noch etwas Zeit verschaffen?

Am 25. Januar ging schließlich ich an Bord der MS Norröna – seine Kraft hatte nicht mehr gereicht, die Reise war nicht mehr zu stornieren und ich in letzter Minute für ihn eingesprungen.

Die Smyril Line verbindet die Färöer mit Island und Dänemark. Im Sommer meist ausgebucht fasst die 165 Meter lange Fähre über 1.400 Passagiere – jetzt in der Nebensaison befanden sich neben der Besatzung maximal 200 Menschen an Bord. 60 davon gehörten zur Reisegruppe des Ankerherz-Verlags, der diese Tour, die so gar nichts von einer Kreuzfahrt hat, seit ein paar Jahren anbietet: von Hirtshals im Norden Dänemarks mit Zwischenstopp Färöer nach Seydisfjördur, Island und wieder zurück. Sieben Tage und Nächte im Nordatlantik.

Während das Schiff den Hafen verließ und raus aufs Meer fuhr, stand ich an Deck, machte ein paar Fotos und schickte sie in die Familiengruppe. Ich hatte einen Kloß im Hals, es fühlte sich einfach falsch an. Aber ich hatte meinem Vater versprochen, viele Fotos aufzunehmen. Und mir selbst, das Beste draus zu machen. Das hatte ich mir bereits auf der Busfahrt von Hamburg nach Dänemark eintrichtern müssen, als alle die Liederhefte rausholten und wir gemeinsam Seemannslieder anstimmen sollten. Unser eigens mitgereister Akkordeonspieler gab den Ton an. Kurz überlegte ich, die Augen zu schließen, Ohrstöpsel reinzustecken und alles ganz schlimm zu finden. Dann besonn ich mich eines Besseren und beschloss, mich einfach drauf einzulassen.

Ich hätte diese Art von Reise sicherlich nicht gewählt – wenn überhaupt Gruppenreise, dann nur mit Schwimmern. Damit habe ich ja beste Erfahrungen gemacht und auf jedem Swimtrek tolle Menschen kennengelernt. Dies hier war ein anderer Menschenschlag, zwar bunt gemischt – von Funktionsjackenträgern Mitte dreißig über Paare in ihren Sechzigern bis zu naturbegeisterten Senioren – und alle irgendwie nett, aber nicht meine Wellenlänge, das spürte ich.

Zum Glück gab es kein durchgetaktetes Programm. Eigentlich konnte man seine Tage an Bord frei gestalten und vom Ankerherz-Angebot mitmachen, wonach einem der Sinn stand: Lesung, Liederabend, Gespräch mit einem Kapitän im Ruhestand.

Nachdem ich meine anfängliche Skepsis über Bord geworfen hatte, nahm ich die Reise als das Geschenk an, das sie war: Während meine Brüder sich um meinen Vater kümmerten, der gerade mal wieder im Krankenhaus lag, konnte ich mir eine Pause gönnen und durchschnaufen. In den vergangenen Wochen war mein Vater immer wieder im Krankenhaus gewesen, hatte Chemo begonnen und wieder abgebrochen. Aufgrund von Metastasen im Steiß konnte er schon lange nicht mehr schmerzfrei sitzen. Das Schlucken fiel ihm schwer. Trotz hochkalorischer Trinknahrung war er nur noch die Hälfte des Mannes, der erst wenige Monate zuvor mit reichlich Rotwein seinen 75. begossen hatte. Mit anzusehen, wie schnell er abbaute, wie sehr er litt, war unendlich bedrückend. Ich konnte mir eigentlich kaum einen besseren Ort vorstellen, um zumindest für einen Moment mal Abstand zu gewinnen und kurz Kraft zu tanken, als diese Fähre im Nordatlantik.

Den ersten Tag an Bord beschloss ich mit einem Bier in der Raucherlounge – vier windgeschützte Stühle mit Blick auf den Helikopter-Landeplatz. Ich unterhielt mich noch ein wenig mit zwei älteren Herren von den Färöern, die Ole hießen, Bloody Mary tranken und früher selbst zur See gefahren waren. Dann begab ich mich hundemüde in meine Koje – und schlief nicht.

Zunächst waren da die ungewohnten Geräusche des Schiffes und ein leichtes Schaukeln, das ich als ganz angenehm empfand und dabei eindöste. Doch als die Norröna irgendwann mitten in der Nacht den Windschatten der norwegischen Küste verließ und so richtig aufs offene Meer kam, wurde aus dem leichten Schaukeln ein ordentliches. Ich befand mich noch immer in einem seeligen Dämmerzustand, dachte im Halbschlaf: Ah, jetzt wird’s interessant und lustig. Mein Körper aber schien vor allem zu denken: Was zur Hölle ist denn hier los? Ich bleibe lieber mal wach.

Am nächsten Morgen durfte er sich dann ganz anderen Herausforderungen stellen: duschen und dabei nicht umkippen, heil zum Frühstück gelangen – jetzt ergaben die Griffe überall Sinn –, Frühstück bei sich behalten. Letzteres gelang längst nicht allen meiner Reisegenossen – einige bekam ich tatsächlich erst an Tag 3 der Reise wieder zu Gesicht. Fürsorgliche Freundinnen hatten mich vor der Reise bestens ausgestattet mit Wunderpillen und einem Akupressur-Armband gegen Seekrankheit. Wie sich schnell herausstellte, brauchte ich beides nicht. Ich war seefest und mächtig stolz.

Bei vier Meter hohen Wellen und sieben Beaufort ließ ich mich vormittags an Deck durchpusten und fand es herrlich. Abends sahen wir in der Ferne Muckle Flugga, den Leuchtturm der schottischen Shetlandinseln blinken. Anschließend sang ich Seemannslieder, trank mit dem Akkordeonspieler zwei Dark’n’Stormy und schlief trotz Fünfeinhalbmeterwellen wie eine Nixe.

Als ich am nächsten Morgen aus meinem Bullauge lugte, fuhren wir gerade im Hafen von Tórshavn, der Hauptstadt der Färöer, ein. Bei Nieselregen besuchten wir ein Dorf aus Blockhäusern, das älteste aus dem 13. Jahrhundert, auf Streymoy. Nachmittags legten wir wieder ab und durchfuhren begleitet von Wolken und Sonne eine Passage zwischen den Inseln – es war majestätisch.

Aufs Meer gucken, kein Buch lesen, Bier trinken, weiter aufs Meer gucken, Abendessen, Lieder singen, mit dem Barmann flirten, den besten Whiskey Sour im Nordatlantik trinken, in den Nachthimmel gucken, noch eine rauchen – noch eine schaukelnde Nacht.

Am dritten Morgen stand ich um 9 Uhr warm eingepackt an Deck und beobachtete still, wie die Norröna durch den Seydisfjördur Fjord glitt. Es war unbeschreiblich schön. Der Himmel über Island noch dunkel, links und rechts schneeweiße Berge, am Ende des Fjords leuchtete die Stadt Seydisfjördur – 685 Einwohner. Vom Schiff aus konnte man jedes einzelne Haus der Stadt ausmachen, jedes Auto, jeden Fußgänger. Ich sprang sogleich in meine geborgte Schneehose und stapfte los. Durch den Schnee, vorbei an bunten Holzhäusern, rot, blau, gelb, die kleine Kirche hellblau. Ich begegnete kaum jemandem, die ganze Stadt, die eher wie ein Dorf anmutete, schien im Winterschlaf zu liegen. Da kam mir auf menschenleerer Straße der Akkordeonspieler entgegen. Gemeinsam fanden wir das einzige geöffnete Café, in dem uns ein amerikanisches Hipster mit Man Bun Cappuccino servierte. Der kleine Raum wimmelte vor Sukkulenten, nebenbei verkaufte er selbstgestrickte Schals. Wir fragten ihn, was ihn ausgerechnet hierhin, ans Ende der Welt, verschlagen hatte. Die Liebe. Natürlich.

Die Norröna blieb über Nacht in Seydisfjördur liegen, und dank einer Sondererlaubnis der Reederei durfte unsere Gruppe an Bord bleiben. Normalerweise verlassen hier alle Passagiere das Schiff – es ist schließlich eine Fähre, kein Kreuzfahrer.

Am nächsten Tag unternahmen wir gemeinsam eine lange Wanderung am Fjord entlang. Nachmittags saß ich mit dem Akkordeonspieler bei Craft Beer und isländischer Pizza im einzigen geöffneten Restaurant der Stadt – unser Schiff durchs Fenster immer im Blick. Erstaunt stellte ich fest, wie sehr mir unsere schaukelnde Herberge in den letzten vier Tagen ans Herz gewachsen war.

Am Abend legte die Norröna wieder ab und begab sich auf den Rückweg: zu den Färöern, vorbei an den Shetlandinseln, nach Dänemark. Bevor am 1. Februar die Küste in Sicht kam, stand ich noch einmal bei herrlichstem Sonnenschein an Deck und ließ alles auf mich wirken. Was für eine traurigschöne Reise das war. Mit glasigen Augen blickte ich aufs Meer, mein Herz schwer, so schwer.

Am Tag zuvor hatte ich die Nachricht bekommen, dass Papa nun auf der Palliativstation lag. Zwei Wochen später hatte er es dann geschafft. Am Valentinstag war er wieder vereint mit seiner Frau, die Leuchttürme so sehr liebte. Als ich ihm ein Foto vom Muckle Flugga Lighthouse geschickt hatte, hatte er nur geantwortet: Der Leuchtturm ist an allem schuld! Was er genau damit gemeint hat, wird er mir noch erzählt haben, da bin ich mir sicher.

4 Kommentare zu „Seine letzte Reise

  1. Ach, liebe Julia, was für ein traurig schöner Bericht.

    Danke, dass Du diese Erinnerungen an Deinen Vater und diese besondere Reise mit uns teilst. Deine Worte lassen nicht nur die Schönheit der nordischen Landschaften, sondern auch das Bild Deines Vaters ganz lebendig werden, der mit so viel Lebensmut seinen Geburtstag gefeiert und die Reise geplant hat. Bestimmt hätte er sich über Deinen Bericht sehr gefreut… Und das mit den Leuchttürmen wird er Dir bestimmt noch mal erklären 🙂

    Viele Grüße, Judith (Cousine von Lisa Noss, die durch Deinen Beitrag im Kalender vom anderen Advent auf Deinen tollen Blog aufmerksam geworden ist)

    >

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s