Wenn wir uns nicht sehen

Im März wollte ich mit meinen ältesten Freundinnen für ein Wochenende nach Aarhus fahren. Wir kennen uns seit dem Studium in Kiel, haben uns zwischendurch in der Republik verteilt und das Glück, seit ein paar Jahren alle in Hamburg zu wohnen. Dennoch sehen wir uns nur alle paar Wochen, manchmal vergehen Monate, jede eingespannt in Job, Familie, das Leben. Den letzten gemeinsamen Trip haben wir vor Jahren gemacht (acht? neun?). Die Vorfreude auf Aarhus war also riesig: endlich mal ausgiebig Zeit füreinander haben und gemeinsam etwas erleben, das über ein Abendessen hinausgeht.

Dann kam Corona. Das Wochenende wurde abgesagt, und wir vier haben uns seither genau einmal gesehen: im Hochsommer zum Picknick draußen.

Freundschaften muss man pflegen. Ich bin single, ich weiß, wovon ich rede – seit Jahren ist die Pflege von Freundschaften meine Hauptfreizeitbeschäftigung. Wenn ich das Wochenende nicht allein verbringen möchte, überlege ich mir bereits Anfang der Woche, wen ich sehen möchte und schmiede Pläne. Eine spontane WhatsApp am Freitagabend „Lust aufn Drink?“, das funktioniert leider nur noch selten.

Doch dieses Jahr war ich des Pflegens müde. Das begann schon im Februar und hat sich seitdem nur geringfügig gebessert. Ausgerechnet dieses Jahr, in dem Treffen mit Freund*innen hoch komplexe Arrangements sein konnten – Per Zoom oder live? Wie viele Haushalte? Spazieren oder Essen? Drinnen oder Draußen? –, mochte ich nur pflegen, was pflegeleicht war:

Meine Lieblingskollegin aka Office Wife traf ich, während wir zuhause arbeiteten, mindestens einmal wöchentlich zum Kaffee an der frischen Luft. Eine Woche, in der wir nicht miteinander reden, ist eigentlich unvorstellbar.

Zwei andere Kolleginnen, die in diesem Jahr Freundinnen wurden, traf ich jeden Freitagnachmittag zu Video-Drinks. Im Sommer setzten wir die Tradition beim Italiener vor der Tür fort.

Meine Freunde, mit denen ich sonst jedes zweite Wochenende in der Nordkurve stehe, traf ich einmal die Woche zum Filmgucken.

Meinen besten Freund, der wie ich alleine lebt, traf ich regelmäßig zu Ausflügen.

Selbst den Mann, mit dem es in den letzten Jahren immer wieder Kommunikationsstörungen gab, traf ich mehrfach auf Draußendrinks, was jedes Mal unkompliziert und gut war (Klopf auf Holz). Auch weil er einer der wenigen ist, bei dem ein spontanes „Heute Abend Drinks?“ oft funktioniert.

All das und vieles mehr ergab sich leicht.

Aber vieles andere hat in diesem verdammten Jahr, das uns alle Kraft gekostet hat, auch gelitten. Manchmal habe ich nach zwei fruchtlosen Versuchen einfach aufgegeben, machmal war ich bockig und dachte, XY kann sich ruhig auch mal melden, manchmal hab ich es gar nicht erst versucht. Im Sommer war es kurz leichter, aber seit Herbst erscheint mir jeder Versuch einer Verabredung ein Kraftakt, für den mir oft die Energie fehlt. Und in stillen Momenten frage ich mich: Wird das Spuren hinterlassen in unseren Freundschaften?

Ich vermute: ja und nein. Auch ohne Pandemie befinden sich Freundschaften im ständigen Wandel, die wenigsten halten ein Leben lang. Meine Mädels aus dem Grundstudium in Kiel kenne ich inzwischen ein viertel Jahrhundert; auch wenn wir uns mal wochenlang nicht sehen und sprechen, sind sie eine Bank. Zu meinen Jungs aus dem Hauptstudium in Marburg habe ich dagegen fast vollständig den Kontakt verloren.

Nur eine gewisse Anzahl von Freundschaften lässt sich beständig intensiv pflegen. Kommen neue hinzu, schlafen unterdessen ein paar alte beinahe unmerklich ein. Manchmal finden sich auf wunderbare Weise neue Freund*innen, zum Beispiel, weil da auf einmal diese Kollegin ist, die wirklich nachvollziehen kann, was es heißt, in kürzester Zeit beide Eltern zu verlieren – und mit der dich schließlich noch mehr verbindet.

Manchmal entfernt man sich auch nur für eine Weile, ohne dass man es will, etwa, weil eine Freundin in eine andere Stadt zieht oder ein Kind bekommt, während du kinderlos bleibst. Beide vermissen die gemeinsamen Nächte am Tresen mit viel zu viel Weißwein. Doch auch wenn sie sich gerade nicht zurückholen lassen, muss das nicht bedeuten, dass sie nie wieder kommen. Daher ist es okay, so lange man weiß, dass, wie oft man sich sieht, nichts darüber aussagt, wie gern man sich hat. Ein paar meiner Lieblingsmenschen habe ich dieses Jahr nur einmal gesehen. Aber dieses eine Mal hatten wir uns jede Menge zu erzählen. Das ist, was zählt.

Es gibt Freund*innen, die trifft man mehrmals die Woche, andere nur alle paar Monate. Jede dieser Freundschaften hat ihren eigenen Wert, wichtig ist nur, dass man an sie glaubt und sie pflegt. Und geht einer mal die Kraft dafür aus, hat hoffentlich die andere noch welche übrig.

An Weihnachten und zwischen den Jahren werde ich mich auf ein paar wenige Menschen konzentrieren. Vermutlich werde ich mich energiemäßig auch im Januar und Februar noch im Winterschlaf befinden. Aber ich bin zuversichtlich: Sobald die Krokusse blühen, kommt die Energie zurück. Und irgendwann geht all das wieder, was die Pflege leichter macht: Restaurantbesuche zu zweit, Balkonabende zu viert, Treffen im Stadion mit 29.000 Menschen, von denen mir sechs ganz besonders am Herzen liegen, Küchenpartys mit so vielen, wie eben rein passen.*

Ihr Lieben, habt schöne Weihnachten im Rahmen des Möglichen, bleibt gesund und kommt gut ins Neue Jahr! Die Roaring Twenties kommen noch! Schön, dass ihr da seid.

Eure Julia

* Und dann fahren wir auch nach Aarhus, Mädels, ja?

2 Kommentare zu „Wenn wir uns nicht sehen

  1. Hallo liebe Julia, Deine „Schreibe“ gefällt mir…gefällt mir sehr!
    Das mit den Freundschaften spricht mir aus dem Herzen! Obwohl ich Familie habe, meist nur Singlefrauen kenne, wir keine Paarfreundschaften haben. Vermutlich gehöre ich nicht zu den Klassikerfrauen: verheiratet, feste Freunde, Gluckenmami…
    Es ist schwer, Freundschaften zu halten. Auch verheiratete Frauen müssen mit Vorurteilen kämpfen .
    Schreibe weiter so..ich mag es!
    E

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