Wie geht es dir in Zeiten von Corona? – Miriam, New York City

Weiter geht’s auf meiner virtuellen Weltreise zu Miriam nach New York, in deren Wohnung ich schon zweimal wohnen durfte. Sind wir gemeinsam unterwegs, werden wir gerne für Schwestern gehalten. Ha!

Magst du dich kurz vorstellen?

Hi, ich bin Miriam. Ich bin Journalistin und arbeite hauptsächlich als Produzentin und Autorin für die ARD in New York. Ich bin 39 Jahre alt und lebe seit inzwischen mehr als elf Jahren in der Stadt. Die Zahl erstaunt mich selbst immer wieder, denn das war nie so gedacht: Ich kam damals, um eigentlich nur ein oder zwei Jahre zu bleiben, aber irgendwie lässt einen die Stadt dann nicht mehr los. Immer, wenn man wieder kurz vorm Absprung steht, passiert irgendwas – privat, beruflich oder gesellschaftlich –, was man unbedingt noch miterleben möchte. Ich sage immer: Das Leben in New York City ist wie eine dysfunktionale Beziehung, es ist hart mit ihr, aber man kann irgendwann auch nicht ohne sie leben.

Wie ist derzeit die Lage in NYC? 

Ich muss gestehen, dass diese Frage für mich kaum in Kürze und nur den Status Quo beschreibend zu beantworten ist. Öffnet sie doch so viele Türen der Emotionen und Erfahrungen der vergangenen Monate, die Einfluss auf das Heute haben. New York City war lange das Epizentrum der Krise in den USA. Insgesamt hat es seit März rund 430.000 Infektionen im Staat New York und mehr als 25.000 Tote gegeben – davon 23.000 allein in New York City. Zum Vergleich: In ganz Deutschland sind rund 9000 Menschen gestorben.

Ich könnte jetzt beginnen, von Notlazaretten im Central Park und Leichen in Kühl-LKWs hinter den Krankenhäusern zu erzählen, von überlaufenden Intensivstationen und Selbstmord begehenden Ärzten oder einfach nur von dem Klang der Dauer-Sirenen, wenn man am Frühlingsabend das Fenster öffnete – aber ihr habt die Bilder in den Nachrichten gesehen.

In Relation zu alledem hat sich die Situation natürlich deutlich entspannt. Zuletzt starben pro Tag weniger als 10 Menschen im Vergleich zu den Hunderten täglich im März und April. Firmen dürfen ihre Belegschaft zur Hälfte wieder in ihre Büroräume lassen, Restaurants empfangen Gäste im Freien und dürfen dafür den Bürgersteig vor ihren Lokalen nutzen. Läden dürfen begrenzt Kundschaft empfangen und auch einige Dienstleister wieder ihrer Arbeit nachgehen. Trotzdem sind die meisten Menschen immer noch im Home Office, viele große Firmen haben angekündigt, dass das bis mindestens Ende des Jahres so bleiben wird – einige wollen dauerhaft auf ein hybrides Arbeitsmodell umstellen. Broadway, Theater und Musikshows dürfen weiterhin nicht stattfinden, gleiches gilt für Partys und Bars, die keine Möglichkeit haben, draußen zu servieren. Masken sind Pflicht in allen geschlossenen Räumen und überall, wo man im Freien den 2-Meter-Abstand nicht einhalten kann.

Was hat sich für dich persönlich durch Corona verändert?

Als Journalistin hat mich das Thema monatelang nonstop und detailliert beschäftigt – als weiße privilegierte Privatperson sind die Krise und der Tod nicht besonders nah an mich heran gekommen. Mulmig war mir, als eine ältere Lady aus dem Nachbarhaus von einem Krankenwagen abgeholt wurde oder die Vermieterin einer Freundin an Covid19 gestorben ist.

Dann hat die Krise in den USA gesellschaftlich viel wach oder, besser gesagt, wieder in den Vordergrund gerüttelt – Stichwort “Black Lives Matter”. Soziale Fragen und wie sie mein Leben beeinflussen könnten und sollten, beschäftigen mich seit dem vermehrt. Ich bin dankbarer geworden, für meine Freunde, mein soziales Netz in der Stadt. Und demütiger bezüglich meiner Privilegien und vieler doppelter Böden in meinem Leben: Einer davon ist der deutsche Pass, mit dem ich jederzeit einfach hätte abreisen können. In ein Land, das im Vergleich zu der Realität hier gepflastert ist mit guten und bezahlbaren Krankenhäusern.

Fotos: Esther Levine

Was bereitet dir am meisten Sorgen?

Das Virus ist wie ein Tsunami über die Stadt herein gerollt, und erst jetzt, in der Zeit der Ebbe, wird viel von der angerichteten Zerstörung sichtbar. Viele Menschen sind seit Monaten arbeitslos – oder waren vorrübergehend entlassen. Zwar hat der Staat angeordnet, dass nichtzahlende Mieter bis einschließlich Oktober nicht aus ihren Wohnungen geworfen werden können, aber das mindert die kumulierte Summe der Mietschulden nicht.

Die Landflucht hat schon begonnen: Einige Menschen können sich die Stadt momentan schlicht nicht mehr leisten, andere sind im Home Office auf den Geschmack gekommen. Grün und Natur und dabei noch Geld sparen – eigentlich keine schlechte Idee. Erst Recht, wenn der Großteil der kulturellen Angebote, die New York ausmachen, im besten Fall vorübergehend und im schlimmsten Fall für immer geschlossen hat. 500.000 haben die Stadt schon verlassen, das ist die letzte Zahl, die ich gelesen habe. Den Umzugswägen in meiner Nachbarschaft am vergangenen Wochenende zufolge dürften es schon wieder einige mehr geworden sein.

Und dann gibt es die, die richtig hart getroffen sind. Die, die vor der Krise schon am Limit und nur mit drei Jobs überleben mussten. Die schlecht oder gar nicht krankenversichert sind und deswegen auch unbehandelte Vorerkrankungen mit sich rumtragen. Sie können nicht mal eben die Umzugshelfer her pfeifen und abdüsen, denn auch das kostet Geld. Die Kriminalität steigt wieder in New York, auch wenn ich betonen möchte, dass wir bei Weitem noch nicht wieder in den Achtzigern angekommen sind, auch wenn das manchmal so dargestellt wird. Aber grade gestern wurden mir zwei Päckchen aus unserem Hausflur geklaut – und ich kann’s irgendwie verstehen.
Ich hoffe, dass New York City wie Phoenix aus der Asche wieder emporsteigen wird – dass die Stadt das kann, hat sie in den vergangenen Dekaden immer und immer wieder bewiesen.

Bist du dieses Jahr gereist? 

Das Land verlassen ging leider auch hier nicht. Deswegen war ich im Staat New York unterwegs. Am Strand auf Long Island in Montauk und auch “Upstate“ in den Catskills, nahe Woodstock. In New York ist man verwöhnt, denn nur wenige Autostunden von der City entfernt ist man bereits in wunderschöner Natur. Berge oder Beach, für jeden was dabei. Oder für Unersättliche wie mich: beides.

Hast du etwas Positives aus den letzten Monaten mitgenommen?

Für mich persönlich waren gerade die Sommermonate wunderbar, denn ich habe jemanden kennengelernt. Ich war lange Jahre der typische, zynische New Yorker Single und hatte Dating fast schon aufgegeben. Mitten im Hausarrest habe ich mich mehr oder weniger aus Langeweile mal wieder bei einer der Apps angemeldet. Dank Corona muss man sich dieser Tage allerdings erst mal am Telefon verstehen und auch noch richtig reden (och neee). Dann ist man gezwungen sich draußen, mit Abstand zu treffen – und schwuppsdiwupps, ohne dass man es merkt, verbringt man echte “Qualitätszeit” miteinander: aka Fahrradtouren, Picknicks und Spaziergänge, anstatt sich in einer dunklen Bar bei drei Bier und lauter Musik anzuschreien. Offenbar brauchte es erst eine Pandemie, die das Prozedere des Kennenlernens in New York entschleunigt.

Was mir sonst viel Hoffnung gibt: Auch diese Krise hat die New Yorker einmal mehr zusammen geschweißt. Es haben sich unzählige Aktionen von Nächstenhilfe und Zusammenhalt gebildet: Menschen haben Masken genäht, Essen organisiert und ausgefahren, Spenden gesammelt und in Nachbarschafts-Apps gegenseitige Hilfe koordiniert. Dieses Phänomen der coolen, unnahbaren New Yorker, die, wenn es drauf ankommt, alles stehen und liegen lassen, um ihrer Community zu helfen, das durfte ich schon nach dem Supersturm Sandy erleben.
Der Mensch ist anpassungsfähig und der New Yorker sowieso. Es wird kein Zurück geben in unsere alte Normalität und Realität – aber wir werden gemeinsam eine neue spannende Stadt und eine spannende Welt schaffen, denn jede Veränderung bringt Wachstum und Fortschritt. Für jeden Einzelnen und für uns alle.

Danke, liebe Miriam! Bleib gesund und möge der Herbst für dich genauso wunderbar weitergehen!

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