Zu früh, zu schnell, zu viel

Ich möchte etwas über Trauer schreiben. Das ist nicht so einfach und wird sicherlich nicht mein ausgefeiltester Text, dafür ist alles noch zu frisch und der Abend zu spät, aber mir geht gerade so viel durch den Kopf, und wenn mich dieser Blog in den letzten Monaten eins gelehrt hat, dann, dass es mir leichter fällt, bestimmte Dinge aufzuschreiben als auszusprechen.

Im Mai vor nicht mal zwei Jahren ist meine Mutter nach langer Krankheit gestorben. Kurz vorher haben wir noch gemeinsam die Goldene Hochzeit meiner Eltern gefeiert, das war wohl ihr Ziel. Danach ging es ganz schnell. Zeitgleich mit ihrem Tod kam ein traumhaft schöner Frühling. Ich habe sehr viel Zeit im großen Garten meiner Eltern verbracht, viel Zeit mit der Familie, viel Zeit mit meinem Vater. Und mir ging es ganz gut. Ich war froh, dass Mama erlöst war, und ich war erleichtert, dass sich Papa so wacker hielt, ja, sogar wieder Pläne schmiedete. Wenn ich nicht in Waldenau war, habe ich mich mit Freunden getroffen, auf dem Balkon, vor der Kneipe, gequatscht, getrunken, geweint, gelacht, so viele schöne laue Sommerabende lang. Und was für tolle Freunde ich habe! Das habe ich deutlich gespürt. Sie riefen an, sie schrieben, sie fuhren mich von A nach B. Es war eine traurige, aber auch schöne Zeit.

Jetzt ist es wieder soweit, und es fühlt sich ganz anders an. Im September hat mein Vater seinen 75. Geburtstag in großer Runde mit Freunden und Familie gefeiert. Die Sonne schien, wir waren an der Elbe, und es war ein tolles Fest. Einen Monat später bekam er die Diagnose Speiseröhrenkrebs. Vier Monate später, ausgerechnet am Valentinstag, hat er sich auf die Reise zu seiner Frau begeben. Nach nicht mal zwei Jahren. Nach vier Monaten.

Ich würde mich jetzt gerne eine Weile hinlegen.

Schlaf, soviel weiß ich jetzt schon, ist nicht das Problem. Ich, schon immer Fan des Mittagsschläfchen, kann mich gerade zu jeder Tages- und Nachtzeit hinlegen und schlafe wie ein Stein. Auch die Familie ist wieder da. Meine wunderbaren Brüder und ihre tollen Frauen, meine heiß geliebten Neffen und meine Nichte. Meine Tante und mein Onkel, meine Patentante und ihr Mann. Es ist ein großes Glück, von soviel Liebe umgeben zu sein. Und Liebe bekomme ich auch von Freundinnen und Freunden. So viele Nachrichten. So viele liebevolle Worte. Und in fast jeder Nachricht: Melde dich, wenn du was brauchst. Das ist wahnsinnig fürsorglich gemeint, und ich weiß, das sehr zu schätzen, aber: Ich kann das grad nicht oder zumindest nur sehr schwer.

Ich fühle mich im Moment wie der Ochs vorm Berg. Ich habe seit vier Wochen mein Bad nicht mehr geputzt (und verstehe, wenn mich jetzt niemand mehr besuchen mag), ich trage seit Tagen den selben Pulli und die selbe Jeans. Ich weiß, ich habe morgen frei; ich weiß nicht, ob ich es schaffen werde schwimmen zu gehen, obwohl es mir sicher gut täte. Ich weiß, ich werde morgen Mittag wieder nach Waldenau fahren, im gleichzeitig viel zu leeren und viel zu vollen Haus meiner Eltern sitzen und mich mit meinen Brüdern durch Versicherungsdokumente arbeiten. Wir werden Entscheidungen treffen müssen, und ich werde unzählige Umschläge für Trauerkarten mit Adressen versehen, und ich werde abends mit einem meiner Lieblingsmenschen ein oder zwei Schnäpse trinken und sehr, sehr müde sein.

Denn natürlich brauche ich neben Schlaf Gesellschaft. Ich möchte euch alle sehen und in den Arm nehmen. Aber im Moment ist es so, dass ich meine Yogahose anziehe, um Yoga zu machen und mir etwas Gutes zu tun – und am Ende doch nur in der Yogabuchse auf der Couch liege und Netflix gucke oder schlafe.

Ich sitze vor meinem Handy und benachrichtige, wer noch nicht benachrichtigt ist, ich lese die vielen lieben Zeilen, die mir geschickt werden. Und jede Antwort kostet mich Kraft. Bitte erwartet nicht, dass ich mich schon melden werde, wenn ich etwas brauche. Was ich jetzt brauche – und es fällt mir wahnsinnig schwer, das zuzugeben, und das geht auch nur an diesem Ort –, sind konkrete Angebote. Schreibt mir, wann ihr mich wo gerne sehen würdet. Vielleicht werde ich keine Zeit haben, sehr vermutlich nicht, wenn morgen gleich die ersten zehn schreiben. Aber es muss ja auch nicht morgen sein, und sonst versucht es einfach wieder. Ich möchte hier keinen Wettbewerb ausschreiben, niemand muss mir etwas beweisen. Ich weiß, was ich an jedem Einzelnen habe. Und es macht gar nichts, wenn wir uns diese oder nächste Woche nicht sehen. Ich freue mich auch, wenn sich im Mai noch jemand fragt, wie es mir geht, und sich meldet. Aber das wäre das größte Geschenk, dass ich mich nicht kümmern muss.

Alles Liebe

Eure Julia

Ein Kommentar zu „Zu früh, zu schnell, zu viel

  1. Liebe Julia,

    mir bleibt nur mit all der Hilflosigkeit eines Außenstehende zu sagen: Ich wünsche und gebe dir alle Kraft die ich habe!
    So wie Ich deine Brüder kenne werden die jeden Berg versetzen um Dir zu helfen.
    Ich versuche deine Jungs zu unterstützen, vielleicht ergibt es sich dabei auch das wir nen Schnaps zusammen auf deinen Vater trinken können.

    Bis dahin bleibt nur ein virtuelles: Prost!
    Jakob

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