Wie ich versuchte, surfen zu lernen, und dann doch noch den richtigen Wassersport für mich fand

Ich habe einen Ordner, in dem ich Zeitungsartikel und Magazintexte übers Reisen sammele: Geschichten über die Azoren, Empfehlungen und Tipps für Amsterdam, Lissabon, New York. Meist vergesse ich, vor einer Reise nochmal da rein zu schauen, das wenigste habe ich bisher probiert. 2009 las ich zufällig einen Text im Stern über Schwimmreisen. Die Autorin hatte an einem Trip auf die Kleinen Kykladen in Griechenland teilgenommen, organisiert vom englischen Reiseanbieter SwimTrek. Dort war sie fünf Tage lang von Insel zu Insel geschwommen, die kürzeste Distanz ca. 2 Kilometer, die längste 4,5. Wie unglaublich krass! Ich fand das in dem Moment unvorstellbar und heftete den Artikel ab für den Fall, dass ich in ferner Zukunft einmal eine echte Herausforderung bräuchte.
Erst wenige Jahre zuvor hatte ich einen Schwimmkurs absolviert, um mit Anfang dreißig endlich kraulen zu lernen. Damals hatte ich mir in den Kopf gesetzt, surfen zu lernen, und dafür musste ich zunächst einmal kraulen können. Fünf Surfurlaube später hatte ich ein paar wenige Male beide Füße für Sekunden auf dem Brett gehabt und konnte im Pool eine Bahn kraulen, bevor ich wieder zehn Brust schwamm. Obwohl ich eine echte Niete darin war, habe ich das Surfen geliebt. Durch das Weißwasser und die Brandung raus ins Line-Up zu paddeln, dort auf dem Brett zu sitzen, auf den Horizont zu schauen und auf das nächste Set Wellen zu warten. Dann den richtigen Moment abzupassen, um sich in Position zu bringen, los zu paddeln, und sobald das Brett Fahrt aufnimmt, sich aufzustützen, den linken Fuß nach vorne zu ziehen und … ins Wasser zu fallen. Waschmaschine, zurück aufs Brett robben und von vorne. Mehrere Stunden am Tag sich im Salzwasser zu verausgaben – ich mochte das sehr, musste aber irgendwann einsehen, dass mit einem kaputten Rücken und Gummiarmen es vielleicht doch nicht der richtige Sport für mich war.

Drei Jahre nach meinem letzten Surfurlaub und nachdem ich besagten Artikel fein säuberlich abgeheftet hatte, begann ich, mit meinem Freund Lars regelmäßig schwimmen zu gehen. Jeden Samstag Punkt zehn trafen wir uns am Beckenrand und schwammen 1,5 Kilometer. Therapie für meinen Rücken und seinen Tinnitus. Irgendwann zu Beginn dieser schönen, neuen Tradition saßen wir anschließend beim Portugiesen, und ich erzählte Lars vom Inselschwimmen. Er hatte damals gerade eine elfjährige Beziehung beendet, ich konnte mich kaum noch an meine letzte erinnern, und ich hatte das Gefühl, wir könnten beide ein Abenteuer gebrauchen. „Wenn wir das mit dem Schwimmen ein Jahr durchziehen, dann machen wir das“, sagte ich. Ich bin mir ziemlich sicher, Lars hat mich damals für verrückt gehalten, aber als der gute Freund, der er ist, hat er gelacht und zugestimmt – und ist weiterhin jeden Samstag mit mir schwimmen gegangen. Langsam wurden aus einer Bahn Kraul zwei, dann fünf, dann zehn. Irgendwann schwammen wir beide ohne größere Probleme 2 Kilometer, zehn Bahnen Brust, zehn Kraul mit Pullbouy, zehn Kraul ohne, Repeat. Und buchten schließlich unseren ersten SwimTrek – nicht ahnend, dass wir damit den Grundstein für eine neue Tradition legten.
Um die dreißig Zeitungs- und Magazintexte befinden sich in meinem Ordner, ich werde vermutlich nie auf den Azoren surfen oder in Lissabon in dieser ganz bestimmten Bar einen Portotonic trinken, aber ein Text hat mein Leben verändert. Er hat mich zur Schwimmerin gemacht. Alleine dafür hat sich der Ordner gelohnt.

3 Kommentare zu „Wie ich versuchte, surfen zu lernen, und dann doch noch den richtigen Wassersport für mich fand

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